Im deutschen Sprachraum leiden Comics noch immer – und zu Unrecht – unter ihrem schlechten Ruf. International hat sich die «Neunte Kunst» aber längst etabliert. Denn Comics erfreuen mit ihrem vielgestaltigen Auftritt nicht nur das Auge – Bild und Wort in Kombination fordern Leserinnen und Leser und fördern so das Denkvermögen. Hier erfahren Sie, wie das geht.

von John Micelli

Noch in den 1950er-Jahren wurden in Deutschland Comics öffentlich verbrannt: Im Zuge des Kampfs gegen «Schmutz und Schund» wurde der nackte Oberkörper Tarzans verdächtigt, unschuldige Kinderseelen zu verderben. Der Bann der gezeichneten Geschichten war in Deutschland, Österreich und der Schweiz ziemlich kritiklos aus den USA übernommen worden, wo das 1954 erschienene Buch «Seduction of the Innocent» (Verführung der Unschuldigen) des Psychiaters Fredric Wertham die öffentliche Meinung gegen Comics aufgebracht hatte: Regelmässiger Konsum stumpfe den Intellekt ab, führe zu mentaler Regression und zum Verlust der Lesefähigkeit. Pädagogen begriffen Comics als «epidemische Infektionskrankheit», die die Fantasie abtötet und der Jugend den Weg zum «echten Buch» versperrt. Werthams Bestseller führte in den USA zum Comic Code, der freiwilligen Selbstzensur der Verleger, der bis 2011 Bestand hatte. Hierzulande wurden Comics zu Kinderkram erklärt und sollten «erzieherisch» wirken – deshalb wohl war das 2010 eingestellte deutsche Magazin «Fix und Foxi» ebenso «pädagogisch wertvoll» wie langweilig. Mittlerweile aber steht Psychiater Wertham in der Kritik: Um seine Thesen zu stützen, hatte er Untersuchungsergebnisse manipuliert und Aussagen seiner Probanden verfälscht.

Anfänge im Dunkeln

Comics gibt es je nach Standpunkt seit gut 100 oder mehreren 10 000 Jahren: In Höhlenmalereien überlieferten Urmenschen ihr Erleben, ihre Träume und Wünsche in Bildern, die möglicherweise auch als Symbolsprache dienten, um Jagderfahrungen festzuhalten. In der Antike und im europäischen Mittelalter wurden ebenso Bildfolgen benutzt, um wichtige Ereignisse der Nachwelt zu überliefern. Als Begründer des modernen Comics gilt den einen der Genfer Zeichner und Novellist Rodolphe Töpffer, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts skurrile Bildergeschichten veröffentlichte und von Zeitgenosse Johann Wolfgang von Goethe gelobt wurde: «Es funkelt alles von Talent und Geist!» Andere wiederum verorten die Geburtsstunde im Jahr 1895 als Zeichner Richard Outcault in «The Yellow Kid» erstmals Sprechblasen für den Text verwendete.

Seither haben sich in verschiedenen Weltgegenden zahlreiche Stile und Gattungen entwickelt: In Japan machen Comics gut ein Drittel aller Druck-Erzeugnisse aus und werden von allen Generationen und Gesellschaftsschichten gelesen. In der Frankophonie fanden Comics schnell Anerkennung als eigenständige Kunstform, weshalb «Bandes dessinées» aus Belgien und Frankreich jahrzehntelang den europäischen Markt quantitativ wie qualitativ dominierten. In den USA verdrängte der Comic Code einen Teil der Schöpferinnen und Schöpfer in den Untergrund, wo – von der Sorge um den guten Ruf befreit – bisweilen tatsächlich viel Sex und Gewalt im Comic Einzug hielt, woher aber auch wichtige künstlerische Impulse für die Weiterentwicklung des gesamten Genres stammen.

Zukunft im Licht

2017 promovierte Alena Báčová-Picassová an der tschechischen Masaryk-Universität in Brünn mit einer Arbeit über den Unterricht mit Comics: «Wenn wir das Informationspotenzial des Comics anerkennen, ist es vollkommen logisch, dieses Potenzial nicht nur als ein Element der Unterhaltung, sondern auch als ein Informations- und Bildungselement zu nutzen», schreibt die Germanistin. Experten im Bereich Pädagogik hätten festgestellt, «dass es für die heutigen Kinder, die in der Zeit der neuen Technologie aufwachsen, schwierig ist, Informationen auf lineare, passive Weise aufzunehmen». Die Nutzung von Comics als Lehrmittel dränge sich geradezu auf, weil «uns die visuellen Eindrücke zur Einbindung der eigenen Fantasie zwingen und dadurch unser kreatives Denken mittels einer umfangreichen Stimulation unseres Gehirns erhöhen». Doch im 21. Jahrhundert sind Comics nicht mehr Kindern und Jugendlichen vorbehalten. Die Kommunikationswissenschaftlerin Judith Denkmayr hat sich an der Universität Wien mit der Comicreportage befasst, einem in den 1990er-Jahren entstandenen journalistischem Format, und kommt zum Schluss: «Mit ihren konstruierten, von Hand gezeichneten Bildern und dem individuellen Zugang des Autors kann die Comicreportage ihren subjektiven Zugang klar deklarieren – und dem mündigen Rezipienten einen Interpretationsspielraum überlassen. Das macht interpretativen Journalismus aus.» Wie es scheint, blüht den Comics eine glänzende Zukunft!

Die Überlegenheit des Visuellen

Ein Bild enthält auf gleicher Fläche ein Mehrfaches an Informationen als reiner Text. Ausserdem verarbeitet das Gehirn visuelle Informationen 60 000-mal schneller. Bilder werden quasi-automatisch sensorisch erfasst und können besser erinnert werden – nach drei Tagen erinnern wir uns noch an zehn Prozent dessen, was wir gelesen haben. Werden Informationen als Bild und Text kombiniert, bleiben 65 Prozent hängen. Im Comic sind die Kombinationsmöglichkeiten von Wort und Bild und die dadurch erzielten Effekte nahezu unlimitiert.

Die Macht der Induktion

Das Einzelbild, die kleinste selbstständige Einheit eines Comics, nennt man Panel. In seinem Standardwerk «Comics richtig lesen» von 1993 widmet Comiczeichner und -theoretiker Scott McCloud aber ein ganzes Kapitel dem Vorgang, der zwischen den Panels abläuft: Als Induktion werden die Folgerungen der Leserinnen und Leser bezeichnet, die sie aus einer Abfolge von Bildern und Szenen ziehen, ohne dass diese Bedeutung aus den Bildern selbst hervorgeht. Die Panelübergänge bestimmen die Wahrnehmung von Bewegung und Zeitverlauf: Um die «Leere» zwischen den Panels zu füllen – und die Bildfolge als zusammenhängende Geschichte zu erkennen – benötigen wir Fantasie, Logik, Erfahrung und Wissen. Deshalb wirken Comics stimulierend.

Verstärkung durch Vereinfachung

Comics lenken den Blick auf das Wesentliche: Die Abstraktion der Karikatur eliminiert zwar Details, schärft dafür die Sicht auf spezifische Eigenschaften des Objekts. Leserinnen und Lesern fällt es zudem leichter, sich mit skizzierten Figuren zu identifizieren als mit realistischen Abbildungen, wo die Unterschiede zur eigenen Person deutlich zutage treten.

Welt der Gedanken, Welt der Sinne

Wie kein anderes Medium hat der Comic Instrumente und Mittel, zwischen den Welten der Ideen, der Konzepte und Kategorien einerseits und der Komplexität und Schönheit unserer realen Umwelt andererseits hin und her zu wechseln, um seine Inhalte zu verdeutlichen. Die Kombination von einfachen Figuren mit realistischen Hintergründen beispielsweise erleichtert der Leserschaft das Eintauchen in eine sinnlich-stimulierende Welt. Ein einfach skizzierter Gegenstand betont seine Funktion, die realistische Abbildung macht ihn zum fassbaren Objekt mit physisch erlebbaren Eigenschaften – beides kann im selben Werk verwendet werden.