Anfang Juni zog die Europäische Polizeibehörde Europol Bilanz über ihre Massnahmen des vergangenen Semesters gegen den Schmuggel von Aalen. Denn der schlüpfrige Fisch ist akut vom Aussterben bedroht, noch bevor wir mit Sicherheit wissen, wie er sich überhaupt vermehrt.

Im Januar 2019 gelang der Schweizer Zollfahndung ein Coup: Innerhalb weniger Tage wurden an den Flughäfen Zürich und Genf insgesamt 250 000 Jungaale beschlagnahmt und neun Personen verhaftet. Zwischen Oktober 2019 und April 2020 nun gingen Europol bei koordinierten Aktionen in 19 Ländern – darunter auch die Schweiz – über zwei Tonnen Glasaale mit einem Wert von über sechs Millionen Franken ins Netz und wurden wieder ausgesetzt, über 100 mutmassliche Schmuggler wurden festgenommen. Denn mit ihrer Abneigung gegen den fettigen Fisch stehen Schweizerinnen und Schweizer ziemlich alleine da: Unsere nördlichen Nachbarn mögen ihn gebraten oder geräuchert, in Frankreich und Spanien gelten die Glasaale genannten Jungtiere als besondere Delikatesse und in Japan und China hat die Nachfrage nach Aal die eigenen Bestände längst erschöpft, weshalb Jungtiere des Europäischen Aals in den Mündungsgebieten der grossen Flüsse gefangen und in Asien gemästet werden, was seit 2007 eigentlich nicht mehr erlaubt wäre. In Gefangenschaft aber pflanzt sich der Aal nicht fort. Wo der Europäische und der Amerikanische Aal sich fortpflanzen, weiss man seit etwas mehr als hundert Jahren. Wie das genau vonstattengeht, darüber allerdings gibt es nur Vermutungen.

 

Bestände sind eingebrochen

Aale werden in der Tiefe des Meeres geboren und kehren dorthin zurück, um zu sterben. Die Sargassosee ist ein Meeresgebiet im Atlantik von der Grösse Mitteleuropas. Sie wird nicht von Küsten oder Inseln begrenzt, sondern von mächtigen Strömen: dem Golfstrom und dem Nordostatlantischen Strom im Norden und Westen; dem Antillenstrom, dem Nordäquatorialstrom sowie dem Kanarenstrom im Süden und Osten. Durch die Fliehkräfte der Strömungen rundum liegt der Meeresspiegel im Zentrum etwa einen Meter unter dem des umgebenden Atlantiks, bis zum Meeresgrund sind es weitere 5000 bis 7000 Meter. Aufwendige Forschung brachte es in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts ans Licht: Aus der Sargassosee kommen die Aale im «Weidenblattlarve» genannten ersten Entwicklungsstadium, sind dort zwischen sechs und zehn Millimeter lang und übergeben sich dem Nordatlantikstrom, der sie an die Küsten Nordamerikas und Mitteleuropas treibt. Dieser Transfer dauert je nach Reiseziel zwischen einem und drei Jahren, bevor die mittlerweile zu bis zu zehn Zentimeter langen und durchschimmernden Glasaalen herangewachsenen Jungtiere in Mündungen der grossen Flüsse einwandern. Das taten sie einst in solchen Massen, dass die heute als teure Delikatesse gefragten Glasaale im spanischen Baskenland als Armeleuteessen verrufen waren, in den Niederlanden düngte man mit dem Überfluss die Felder. Gemäss dem Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) jedoch erreichten 2017 im Vergleich mit der Anzahl im Referenzzeitraum 1960 bis 1979 nur noch 1,6 Prozent die Nordsee, 8,7 Prozent waren es in den übrigen Gebieten Europas. In die Schweiz – vor der Industrialisierung war der Aal hier einer der häufigsten Fische überhaupt – gelangen wegen Verbauungen und Kraftwerken an Rhein, Rhone und Ticino nur noch vereinzelte Tiere, von denen die meisten aus Besatzmassnahmen in Deutschland stammen.

 

Fressen in der Schweiz

Die wenigen Tiere, die die Reise in die Schweiz noch aus eigener Kraft schaffen und den scharfkantigen Turbinen der Flusskraftwerke entkommen – Aale sind zähe Wanderer, können bei hoher Luftfeuchtigkeit auch kurze Strecken an Land zurücklegen und überwinden als einzige Fische den Rheinfall flussaufwärts –, sind bei ihre Ankunft in unserm Land sieben bis neun Jahre alt und 35 bis 45 Zentimeter lang. Sie heissen jetzt Steig- oder Gelbaale und treten in zwei Varianten auf: als Spitzkopfaale mit schmalem Kopf und spitz zulaufender Schnauze, die sich vorwiegend von Krebsen und anderen wirbellosen Tieren ernähren, oder als Breitkopfaale mit breitem Kopf und breiter Schnauze, deren Leibspeise andere Fische sind. Welche Variante vorherrscht, wird vom Nahrungsangebot bestimmt. Denn Fressen ist jetzt das Wichtigste. Vorzugsweise nachts jagen Aale ihre Beute, um sich die charakteristische Fettschicht zuzulegen. Das kann bis zu 20 Jahre dauern. In der Schweiz erreichen die Fische in dieser Zeit eine Länge von über einem Meter und bis zu fünf Kilogramm Gewicht. Fortpflanzungsorgane allerdings haben sie noch nicht entwickelt, was den griechischen Universalgelehrten Aristoteles einst zur Annahme verleitete, Aale würden im Schlamm aus dem «Nichts» entstehen.

Wenn sie sich jetzt auf den Weg zurück ins Meer machen, setzt auch die letzte Wandlung ein: Die Färbung wechselt zu silbrig-grau, die Augen werden grösser (damit sie in der Dunkelheit der Ozeane besser sehen), der Verdauungstrakt bildet sich komplett zurück. Stattdessen entwickeln sich die Geschlechtsorgane, die später die gesamte Leibeshöhle einnehmen. Denn auf seiner letzten Reise frisst der Aal nichts mehr, obwohl er von den Küsten bis zur Sargassosee bis zu 6000 Kilometer zurücklegt und diesmal gegen die Strömung schwimmen muss.

 

Viele Fragen, schwindende Zeit

Erst 1991 entdeckten Forscher der Universität Tokyo das Laichgebiet des Japanischen Aals westlich der Insel Guam, über 2000 Kilometer südlich der japanischen Küste. Sie fanden Larven, die nur wenige Tage alt sein konnten, aber von den Eltern der kleinen «Weideblätter» fehlte jede Spur: «Wir haben sie vielleicht nur um 50 Meter verfehlt, aber der Ozean ist riesig», erinnert sich der Biologe Michael Miller, ein Teilnehmer der Expedition, und ergänzt: «Ich kann mich auch an keine einzige Aalreise erinnern, auf der uns nicht ein Taifun zu einer Kursänderung gezwungen hätte. Man könnte fast meinen, Poseidon persönlich hüte das Geheimnis der Aale.» Auch im Atlantik konnte noch nie eine «Aalhochzeit» beobachtet werden. Man weiss nicht, wie sie den Weg zur Sargassosee zielsicher finden, hat noch nie ein Weibchen bei der Eiablage beobachtet oder ein Männchen bei der Befruchtung, noch nie Weidenblätterlarven aus den Eiern schlüpfen sehen. Wir wissen nicht, wie Amerikanische und Europäische Aale, die beide in das Meeresgebiet östlich von Florida wandern, ihr Gegenüber erkennen und unterscheiden können. Unklarheit herrscht auch darüber, wovon sich die Weidenblätterlarven ernähren und woher die Larve weiss, dass die Zeit gekommen ist, sich zum Glasaal zu entwickeln, den Meeresstrom zu verlassen und die Küste anzusteuern. Man weiss ebenfalls nicht, woher erwachsene Aale das Signal zur Rückkehr erhalten – man weiss nur, dass sie im letzten, Blankaal genannten Stadium in Gefangenschaft nicht mehr zu halten sind, sich bei Fluchtversuchen an Metallgittern wund scheuern oder den Kopf gegen die Glasscheiben der Aquarien schlagen, bis sie tot sind.

Im Herbst 2019 hat das Eidgenössische Infrastruktur- und Umweltdepartement UVEK angekündigt, den Aal künftig nicht mehr als «gefährdet», sondern als «vom Aussterben bedroht» zu führen. Fünf Gründe listet der Schweizerische Fischerei-Verband auf, die zu dieser Entwicklung geführt haben: den Klimawandel, Barrieren in den Gewässern, die die Wanderung der Aale behindern, Prädatoren (Reiher, Kormoran, Hecht und Wels), Gewässervergiftungen, chronische Belastung der Gewässer sowie Überfischung. Der Schmuggel nach Asien ist also nur ein Teil der Bedrohung, der Rest hausgemacht – und ein beachtlicher Teil der gewilderten Jungaale kommt nach dem Mästen als verarbeitetes Produkt zurück nach Europa und Nordamerika. Seit 100 Millionen Jahren gibt es Aale. Schon als ein Meteoriteneinschlag mutmasslich die Dinosaurier auslöschte, haben sie sich im Schlamm und Kies versteckt. Ob aber der Aal das Wirken des Menschen überlebt, steht derzeit noch in den Sternen.