Ende Juli war ich im Urlaub im Berchtesgadener Land zum Wandern. Diesmal stand der Watzmann auf dem Tagesprogramm. Als ich ungefähr zwei Drittel des Aufstiegs geschafft hatte und mich am Eingang zur Alm auf eine Bank niederliess, um etwas zu verschnaufen, wurde ich Zeugin eines sehr interessanten Gesprächs.

Zwei etwa 16-jährige Mädchen hatten den Aufstieg ebenfalls bis hierher bewältigt und wollten nun ein Urlaubsfoto schiessen – mit der imposanten Watzmann-Wand im Hintergrund. Die eine stellte sich auf, das Foto wurde geschossen, dann wurde gewechselt. Die andere brachte sich in Position und sagte auf einmal: «Gott muss auch mit aufs Foto!» – und deutete dabei auf ein Kruzifix, das dort auf der Wiese stand. «Woher willst du denn wissen, dass das Gott ist?», fragte ihre Freundin. Worauf diese erwiderte: «Der sieht immer so aus!»

Noch immer schmunzelnd über diese Bemerkung, machte ich mich kurz darauf daran, den letzten Teil des Anstieges zu bewältigen. Doch meine Gedanken gingen – und gehen auch heute noch – immer wieder zu den beiden Mädchen und dieser Bemerkung zurück. «Gott muss auch mit aufs Foto» – das ist doch eigentlich schön. Ein Foto mit Gott hat schliesslich nicht jeder. Aber noch mehr beschäftigt mich die zweite Aussage auf die Frage, woher man denn wisse, dass das Gott sei: «Der sieht immer so aus.» Je mehr ich darüber nachdenke, erahne ich, welch tiefe spirituelle Weisheit in diesen Worten steckt. Ein leidender Mensch – das ist Gott. Und überall dort, wo ein Mensch leidet, ist Gott gegenwärtig.

In seinem autobiografischen Buch «Die Nacht» beschreibt der ehemalige KZ-Häftling Elie Wiesel eine Szene aus dem KZ: Drei Lagerinsassen werden erhängt, darunter ein Kind. Alle anderen Inhaftierten werden gezwungen, zuzuschauen: «Das Kind schwieg. ‹Wo ist Gott, wo ist er?›, fragte jemand hinter mir. Auf ein Zeichen des Lagerchefs kippten die Stühle um. Die beiden Erwachsenen lebten nicht mehr. Aber der dritte Strick hing nicht leblos: der leichte Knabe lebte noch. Mehr als eine halbe Stunde hing er so und kämpfte vor unseren Augen zwischen Leben und Sterben seinen Todeskampf. Hinter mir hörte er denselben Mann fragen: ‹Wo ist Gott?› Und ich hörte eine Stimme in mir antworten: ‹Wo er ist? Dort – dort hängt er, am Galgen …›.»

Ja, es stimmt: Gott sieht immer so aus.