Jetzt in der Ferienzeit sind viele Menschen unterwegs auf Reisen, auch wenn der Aktionsradius dieses Jahr nicht so üppig ist wie sonst. Mehr als früher können wir in diesem Sommer entdecken, wie wunderbar die Landschaften, Baudenkmäler und gastronomischen Spezialitäten in unserer eigenen Heimat sind. Sei es in Städten, im Gebirge oder am See, oft sind es Kapellen, Kirchen und Kathedralen, die mit ihrer ganz eigenen Atmosphäre wichtige touristische Anziehungspunkte bilden. Das Zürcher Grossmünster zählt jedes Jahr eine halbe Million Besucher.

Zwar ist auffällig, dass die Touristenbesuche meistens ausserhalb der Gottesdienstzeiten stattfinden. Aber wenn die Türen offen stehen, geniessen wir auch einmal als Wanderer und Gäste ausserhalb der Gottesdienste entschleunigt und mit mehr Zeit die besondere Atmosphäre eines Kirchenraums, seine prachtvolle Architektur und seine Kunstobjekte. Auch wenn es uns manchmal darum geht, ein ‚must-see‘ vor Ort abhaken zu können, Kirchenräume sind wie „offene Bücher, die zu lesen und zu denken geben und ihre Spuren in uns hinterlassen“, wie es der Mailänder Schriftsteller und Philosoph Umberto Eco (1932−2016) einmal treffend formuliert hat. Da erinnert mich ein Kommunionbild an der Wand an meine Kindheit und der Taufstein an meinen Göttibueb. Das Altarbild vom Abendmahl provoziert mich, denn in meiner konfessionsverschiedenen Ehe ist es immer noch schwierig, gemeinsam zur Kommunion zu gehen. Der Organist übt gerade ein trauriges Musikstück und ich denke an die Beerdigung meiner geliebten Tante, die noch gar nicht so lange zurückliegt.

Laut Umberto Eco lesen wir nicht nur Texte, sondern auch Räume, weil sie ihre eigene Sprache haben. Auf diese Weise rufen Kirchenräume Erinnerungen in uns wach, die unseren Glauben ebenso anstossen, hinterfragen oder vertiefen können wie ein Bibeltext oder eine gute Predigt. Sowohl der Grundriss einer Kirche als auch die darin befindlichen Kunstobjekte und Symbole sind so gestaltet, dass sie zwar liturgische Aufgaben erfüllen, aber ebenso auf zentrale Inhalte des christlichen Glaubens verweisen.

Ich denke etwa an die weltberühmte Kassettendecke der romanischen St. Martinskirche in Zillis (GR) nahe der Viamala-Schlucht an der San Bernardino-Strecke. Am Eingang erhalten die Besucher einen Handspiegel, mit dem sie die 153 Bildtafeln an der Decke betrachten können, ohne eine steifen Hals zu bekommen. Biblische Texte von der Jona-Geschichte des Alten Testaments bis zur Passionsgeschichte Jesu im Neuen Testament erzählen mir, dass meine Lebensgeschichte in die Heilsgeschichte der Welt eingewoben ist und dass Gott ein gutes Ende für alle Menschen will. Und wenn dann noch ein Japaner mit seinem Spiegel neben mir steht und nach der Bedeutung der Bilder fragt, werde ich plötzlich zum Zeugen meiner christlichen Religion und Konfession. Dann liest der Raum auch in mir.

Im Religionsunterricht mit Kindern und Jugendlichen hat sich seit vielen Jahren die Kirchenpädagogik als wichtiges Medium religiöser Bildung und Erziehung entwickelt. Es ist spannend zu sehen, dass Methoden, die Kindern Spass machen, auch für Erwachsene eine Vertiefung ihres Glaubens bedeuten können: Warum nicht einmal einen Forscherbogen ausfüllen, der am Schriftenstand bereitliegt? Warum nicht einmal den Lieblingsplatz in einer Kirche aussuchen und dort beten. Warum nicht einmal alle Familienmitglieder an die Hand nehmen, um den Umfang einer mächtigen Kirchensäule zu messen? Kirchen laden ein zum Entdecken und damit auch zur Entdeckung unseres eigenen Glaubens. Vielleicht hatte Umberto Eco also Recht?