Ein Glaubensimpulse von Christian Cebulj

Die Zürcher Gerechtigkeitsgasse macht ihrem Namen alle Ehre: In der Hausnummer 5 gibt es die Wohngemeinschaft «Suneboge», die 36 Frauen und Männern eine Wohnung und einen Arbeitsplatz zur Verfügung stellt. Das Angebot richtet sich an Suchtkranke und an Menschen, die Mühe haben, sich sozial zu integrieren. Dass die Gerechtigkeitsgasse parallel zur Friedensgasse verläuft, ist der Reformationszeit geschuldet: Wie heisst es doch in Psalm 85,10 so schön: «Gnade und Treue begegnen einander, Gerechtigkeit und Friede küssen sich.»

Das Thema Gerechtigkeit durchzieht die Bibel wie ein roter Faden. Darin ist Gerechtigkeit gleichzeitig Geschenk Gottes und Auftrag an den Menschen. Dass Paulus im Römerbrief schreibt «Der aus Glauben Gerechte wird leben» (Röm 1,17), war Luthers «reformatorische Entdeckung»: Danach schenkt Gott seine Gerechtigkeit allen Menschen als sein Heil. Einzige Voraussetzung dafür ist der Glaube an Jesus Christus. Im Rahmen des Jubiläums «500 Jahre Zürcher Reformation» wird im Moment das Zwingli-Jahr 2019 mit zahlreichen Veranstaltungen begangen. In diesem Zusammenhang könnte auch das Anliegen der Gerechtigkeit eine neue ökumenische Tragweite gewinnen: Denn einerseits kreist das reformatorische Denken immer um den Gedanken der Freiheit. Andererseits braucht Freiheit Voraussetzungen, nämlich eine Gesellschaft, die Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit bereitstellt. Gerade in Zeiten, in denen die soziale Schere immer weiter auseinandergeht, droht Freiheit ohne diese Voraussetzungen zur Floskel zu verkommen, wenn nicht auch für Gerechtigkeit gesorgt wird.

Als Effekt der Reformationsfeierlichkeiten im Jahr 2019 könnte ich mir gut vorstellen, dass die Kirchen ihre ökumenische Aufgabe, mit prophetischer Stimme soziale Gerechtigkeit einzufordern, noch stärker wahrnehmen. Theologie wird damit politisch – aber auch das ist ihre Aufgabe. Der frühere Erzbischof Oscar Romero von San Salvador, den Papst Franziskus im Oktober 2018 heiliggesprochen hat, hat immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass die Kirche sich nicht in fromme Nischen zurückziehen dürfe. Vielmehr sei es ihre Aufgabe, Gerechtigkeit im Namen Gottes einzuklagen, wo immer diese gefährdet ist.

«Solange es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Strasse zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht, ist das Exklusion und ungerecht», schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika Evangelii Gaudium (Nr. 53). Damit ist die prophetische Aufgabe der Kirche auf den Punkt gebracht. Den Bewohnern der Zürcher Gerechtigkeitsgasse 5 werden diese päpstlichen Worte sicher gefallen.