Ein Glaubensimpuls von Sr. Simone Hofer

Wenn Sie diese Ausgabe des Sonntag in den Händen halten, geht bereits der erste Monat des neuen Jahres zu Ende. Vermutlich sind die guten Vorsätze, die das Jahr 2019 in frische und vielleicht auch bessere Bahnen lenken sollten, verblasst und haben wiederum dem «Me sött halt» Platz gemacht. Eine Mitschwester von mir hat dazu vor Jahren in der Fasnachtszeit eindrückliche Gedanken aufgeschrieben, die ich mir erlaube, Ihnen heute vorzulegen: «Unter den ausdrucksstarken geschnitzten Flumser Holzmasken gibt es eine, die ‹Sötteler› heisst. Kennen Sie ihn, den Sötteler? Der Sötteler sagt beständig: ‹Me sött, öpper sött, dem sött mes säge, öppis sött endlech gscheh. Ja, me sött.› Und wie sieht er aus, der Sötteler? Er hat scharfe Augen und sieht ganz genau, wo etwas fehlt oder falsch läuft: ‹Das sött me ändere!› Aber der Sötteler schielt: Die anderen sollen, irgendjemand. Zudem hat er eine lange Nase, die er in alles hineinsteckt. In seine Stirn sind tiefe Falten eingegraben, denn so vieles gefällt ihm nicht in seiner Umgebung. Die Lippen sind zusammengekniffen und er beisst auf die Zähne, während er den Ärger hinunterschluckt, weil ja nie jemand etwas unternimmt. Erlöst werden kann der Sötteler immer dann, wenn jemand in den Spiegel schaut, die Maske ein Gesicht bekommt, das Gesicht einen Namen und eine oder einer sagt: ‹ICH nehme den Besen in die Hand; ICH mache es; ICH probiere es.› Und auf einmal ist der Sötteler nirgends mehr zu sehen. Dann gibt es nur noch ich und du und wir, die in die Hände spucken und handeln. Das habe ich einmal zu Hause erlebt, als ich etwa zwölf Jahre alt war. Unser Stubentisch war einfach zu hoch. Immer wieder sagte jemand: ‹Da sött me emal öppis mache.› Und dann eines Abends etwa um zehn Uhr, holte der Vater die Säge hervor. Wir stellten den Tisch auf den Kopf, und von allen vier Beinen wurde ein Stück abgesägt. Sie können sich denken, wie die Mutter protestiert hat. Die sauber geputzte Stube! Aber wir Kinder hatten die helle Freude; in einem Eifer halfen wir alle mit dem Aufräumen und hatten einen riesigen Stolz auf den Vater, der endlich etwas erledigte, von dem der Sötteler immer nur geredet hat.» In der Fasnachtszeit gehört es vielerorts zur Tradition, dass schauerliche, schöne, verrückte, nostalgische, boshafte oder liebliche Masken getragen werden. Am Aschermittwoch werden diese dann aber wieder abgelegt. Das ist gut so, denn wir Menschen wurden von Gott nicht mit einer Maske geschaffen, sondern als ein Ich und ein Du, als ein Wir. Nur ohne Masken, in echter Begegnung und einem zugewandten Miteinander gelingt es, unsere Welt als einen Lebensraum für alle Menschen zu gestalten.

Die Dominikanerin Simone Hofer ist Priorin des Klosters St. Katharina in Wil SG.