Gemeinsam in der Kirche singen ist ein emotionales Erlebnis. Unbewusst nimmt man wahr, dass dabei die Herzen zu Gott geöffnet werden, dass sich etwas «Himmlisches» einstellt. Jetzt darf in den Kirchen wieder gesungen werden.

von Stephan Leimgruber

Ein Jahr Singabstinenz! Ein ganzes Jahr nur stille Gottesdienste – vielleicht mit Orgel und Instrumenten, aber ohne die menschliche Singstimme. Es war ein hartes Jahr für die Kirchen ohne Volksgesang! Ohne die bekannten und beliebten Lieder: an Weihnachten ohne Stille Nacht, an Ostern ohne Halleluja. An Geburtstag kein spontanes Happy Birthday. Auch die Frauenchöre und die Männerchöre mussten schweigen. Die Kinderchöre und Jugendchöre durften nicht musizieren. Coronaviren könnten herumgewirbelt und übertragen werden.

Für viele war das Ende dieses Singverbots wie eine Erlösung. Denn das Herz möchte singen und seinen Gefühlen Ausdruck verleihen. Es wird jetzt sogar in Kauf genommen, mit Masken singen zu müssen! Jodelchöre und professionelle klassische Chöre hat es hart getroffen. Doch jetzt darf wieder gesungen werden, welche Freude! Es betrifft nicht nur den Gesang, auch die sozialen Kontakte unter Chormitgliedern können wieder vermehrt gepflegt werden. Sie sind wichtig – mehr noch: überlebenswichtig!

Der gute Augustinus hat es genau getroffen, als er formulierte: «Wer singt, betet doppelt.» Denn nicht nur die Stimmbänder und der Kehlkopf sind beim Singen in Schwingung, nein, der ganze Mensch engagiert sich beim Singen. Er und sie lassen Töne und Lieder erklingen, die nach dem bekannten Kirchenvater von Karthago im 4. Jahrhundert so wertvoll sind wie zwei einzelne Gebete. Singen tut gut. Singen stiftet Gemeinschaft! Singen beglückt.

Lieder sind wie Lebensbegleiter. Wir haben unsere Lieblingslieder. Bei Hochzeiten wünschen sich Schweizerinnen und Schweizer am häufigsten das Lied «Ewigi Liäbi». Es soll im Wunschkonzert von Radio DRS den ersten Platz einnehmen. Lieblingslieder können einen durch das Leben begleiten und in allen Situationen hilfreich sein. Früher waren es nicht selten Marienlieder oder die Lieder von Paul Gerhardt, heute sind es Schlager oder moderne Balladen. Reinhard Mey hat einst viele inspiriert mit seinem Lied «Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein». Udo Jürgens hat die Sehnsucht nach ganzen Ferienwelten herbeigezaubert mit seinem «Griechischen Wein». Insgesamt leben die Menschen mit Musik, nicht wenige singen aktiv und begeistert mit. Musik, Lieder und Gesang lassen das Leben farbiger werden.

Singen ist eine interkulturelle und religionenübergreifende Tätigkeit, die sich weder auf Europa noch auf das Christentum beschränkt. Bekannt sind die Psalmengesänge der Juden, dabei etwa «Hevenu schalom aljechem», ein Gesang, der die Sehnsucht nach Frieden ausdrückt und am Freitag im Synagogengottesdienst in Erwartung des Sabbats gesungen wird. Oder «Hinematov» aus Psalm 133: «Wie schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht leben». Der Islam kennt den gesungenen Rezitationsvortrag aus dem Koran. Im Freitagsgebet trägt der Imam mit starken Kehllauten sein Gotteslob vor: «Alla uakbar» (Gott ist gross). Selbst buddhistische Mönche singen ihre Gebete zu Buddha und begleiten sie mit Trommeln. Singen wird so über die Grenzen der Religionen hinweg zu einem Lebenselixier, zu einem Zaubertrank, der das Leben erhält.