Der Sohn von Sophia Loren, Edoardo Ponti, hat eine Adaption des Romans «Leben noch vor dir» des französischen Autors Romain Gary verfilmt. Das Buch hatte bei Erscheinen für einigen Wirbel gesorgt. Es ist der 98. Film der italienischen Schauspielerin, genau weiss es aber die 86-Jährige nicht. Zu sehen ist der Film ab dem 13. November auf Netflix.

von Carl Meissen

Was die Loren zu einem der grössten Filmstars gemacht hat, sind nicht ihre frühere Schönheit, ihre Ausdrucksstärke oder ihre leicht unterschätzte Begabung als ernsthafte Schauspielerin. Es war die Arbeitsethik als Tochter einer unverheirateten Mutter, aufgewachsen in Armut mitten im Zweiten Weltkrieg ausserhalb von Neapel. Deshalb kam es zu ihrem 98. Film. Sophia Loren sagt, sie habe das filmische Potenzial des Buches von Romain Gary erkannt und sofort Kontakt mit ihrem Sohn aufgenommen, der den Titel nicht kannte. «Lies es, denn es gibt da eine Geschichte, die wir vielleicht zusammen machen könnten», habe sie ihm gesagt.

 

Die gute Geschichte sah Loren in der Rolle von Madame Rosa. Allerdings war sie nicht die Erste, die sich von diesem Stoff angesprochen fühlte. Die erste Verfilmung des Buches wurde 1977 mit Simone Signoret mit dem deutschen Titel «Madame Rosa» realisiert. Das Werk erhielt 1978 den Oscar für den besten fremdsprachigen Film, und Signoret bekam auch die französische Auszeichnung César als beste Schauspielerin. 2010 entstand zudem eine Theaterfassung. Im Zentrum der Handlung steht der 14-jährige Mohammed, Momo genannt, der bei Madame Rosa − eine alte Jüdin, die Auschwitz überlebt hat − Unterschlupf findet. Er ist nicht das einzige Kind, dem sie sich annimmt.

 

Die meisten Kinder, die Rosa aufzieht, stammen von Prostituierten, die sie als Pflegemutter bezahlen. Eines Tages steht sein leiblicher Vater vor der Tür und will seinen Sohn Mohammed. Madame Rosa erklärt ihm, sie habe ihn aus Versehen als Jude aufgezogen. Moïse sei sein Kind, was den Vater in die Flucht schlägt. Als Madame Rosa zum Pflegefall wird, steht Momo ihr bei und bringt sie in ihr «jüdisches Versteck» im Keller, damit sie dem Spital entgehen kann. Dort stirbt sie so, wie sie will. Doch Momo will ihren Tod nicht wahrhaben, schminkt und parfümiert sie, um Madame Rosa für sich am Leben zu halten. Romain Gray wurde für seinen Roman der Prix Goncourt verliehen, was zu einem Skandal führte, weil er ihn zuvor bereits für sein Buch «Die Wurzeln des Himmels» erhalten hatte und er nur einmal an eine Person vergeben werden darf.

 

Ponti hat die Handlung für seine Mutter nach Bari verlegt. «Der Film ist eine sehr gute Geschichte für mich, weil sie all die Dinge enthält, nach denen eine Frau sucht», sagt Sophia Loren. «Ein Haus zum Leben und Kinder, um die man sich kümmern muss.» Obwohl das Buch in den 1970er-Jahren veröffentlicht wurde, haben sich Garys Themen wie Einwanderung, Toleranz und die Pflege des gegenseitigen Verständnisses nicht nur als zeitlos, sondern jetzt wieder auch als dringend notwendig erwiesen. «Zusammen mit Edoardo dachte ich, dass es durchaus möglich sein müsse, diesen Film zu drehen, der sehr, sehr interessant wäre derzeit», sagt Loren.

Madame Rosa erinnert sie auch an ihre eigene Mutter. «Meine Mutter war eine der schönsten Frauen der Welt. Sie sah genauso aus wie Greta Garbo. Sie hatte blondes Haar, sie hatte das gleiche Make-up wie Greta Garbo und Leute baten sie um Autogramme. Ich hatte die Nase voll davon, denn sie war ja nicht Greta Garbo. Ich war zehn Jahre alt, und ich schämte mich dafür, dass meine Mutter von so vielen Menschen angeschaut wurde.»

 

Es war Rita Hayworth − nicht ihre Mutter −, die Loren dazu inspirierte, Schauspielerin zu werden. Vittorio De Sica half ihr, sich von einer Schönheitskönigin zu einer Schauspielerin zu entwickeln. Dann wurde sie an einem lokalen Wettbewerb von Filmproduzent Carlo Ponti entdeckt, der auch ihr Partner wurde, den sie später heiratete.  Für sie war aber De Sica der Vater, den sie nie hatte. «Wenn ich etwas über Schauspielerei weiss, dann nicht wegen einer Schauspielschule, sondern weil er mir so viele Dinge beigebracht hat», sagt Loren. Wie das heute wirkt, ist ab dem 13. November auf Netflix zu sehen, ab dann ist der Ponti-Film abrufbar. Der 98. Loren-Film, wobei Sophia Loren das nicht genau weiss.