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Achtsamer Blick

Philippe Renault

Geschäftsleiter swissnuclear

10 Jahre nach Fukushima. Wie sieht die Zukunft der Kernenergie aus?

In der Rubrik „Mein achtsamer Blick“ unserer Partnerzeitschrift Doppelpunkt wirft jede Woche eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft einen Blick auf das, was für sie zählt. Der Sonntag publiziert diesen Beitrag für seine Lesserinnen und Leser online. Die Meinung der Autorinnen und Autoren muss sich dabei nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

Alle „achtsamen Blicke“ finden Sie unter www.doppelpunkt.ch/achtsamer-blick.

Ein Miteinander wäre ein Dream-Team

Die Abklärungen nach dem Reaktorunfall in Fukushima am 11. März 2011 zeigten, dass der Unfall das Ergebnis einer Kombination von höchst unwahrscheinlichen Naturkatastrophen war: dem stärksten Erdbeben in der Geschichte Japans und dem daraus resultierenden verheerenden Tsunami, der die Notkühlsysteme der Reaktoren ausser Kraft setzte. Ein solcher Unfall wäre in der Schweiz nicht passiert. Naturkatastrophen dieser Dimension sind hier absolut unwahrscheinlich. Und die Schweizer Werke verfügten bereits vor 2011 über jene Schutzsysteme, die in Fukushima den Unfall nach dem Ausfall der Notkühlung verhindert hätten. In der Schweiz gilt eine gesetzliche Pflicht zur Nachrüstung. Modernisierungen und eine hohe Sicherheitskultur sind hier selbstverständlich. Die Anlagen in Fukushima waren aber seit ihrem Bau nie grundlegend sicherheitstechnisch nachgerüstet worden.

Nach Fukushima überprüfte die Schweiz die Sicherheit der eigenen Kernkraftwerke hinsichtlich extremer Naturereignisse und Notstandssysteme. Das Ergebnis ist, dass die Kernkraftwerke Hochwasser und schwere Erdbeben, wie sie nur alle 10 000 Jahre vorkommen, ohne Schäden für Mensch und Umwelt beherrschen. Auch viele andere Länder überprüften ihre Kernanlagen und ihre Strompolitik. Die meisten halten an der Kernenergie fest, bauen neue Werke oder sind dabei, in die nukleare Stromproduktion einzusteigen. Das geschieht häufig explizit aus Umwelt- und Klimaschutzgründen, wie zum Beispiel in England. Die Schweiz dagegen beschloss den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie. Die bestehenden Anlagen bleiben in Betrieb, solange sie sicher sind. Aber es dürfen keine neuen gebaut werden.

Aus unserer Sicht war dieser Ausstiegsbeschluss überhastet. Ob dieser Weg der richtige ist, wird die Zeit zeigen. Eine gesellschaftliche Diskussion und realistische Einschätzung der Folgen, die der Ausstieg auf unsere Versorgungssicherheit und die Klimaschutzziele haben wird, sind jedenfalls dringend notwendig. Die Schweizer Kernkraftwerke erzeugen pro Jahr rund ein Drittel und im Winter sogar bis zur Hälfte des heimischen Stroms. Und das nahezu CO2-frei. Diesen Strom brauchen wir. Denn das Energiesystem zügig zu dekarbonisieren und zudem die Versorgung mit klimafreundlichem Strom sicherzustellen ist mehr als eine Herkulesaufgabe: Gegen 70 Prozent unserer Energie sind noch fossil! Nun laufen wir aber Gefahr, dass zur Versorgungssicherheit unsere klimafreundlichen Kernkraftwerke durch Gaskraftwerke ersetzt werden. Diese würden jedes Jahr zusätzliche zehn Millionen Tonnen CO2 in die Luft blasen – etwa gleich viel, wie alle Autos in der Schweiz emittieren. Das ist eine grosse zusätzliche Herausforderung, wenn die Schweiz bis 2050 klimaneutral werden soll.

Es ist daher wichtig, dass die bestehenden Kernkraftwerke so lange wie möglich am Netz bleiben. Das verschafft zumindest etwas Zeit, um Alternativen zu finden. Denn erneuerbare Energien sind auf dem Vormarsch – mit oder ohne Fukushima. Das ist eine gute Entwicklung! Aber zu oft wird die Kernenergie noch gegen die Erneuerbaren ausgespielt. Dabei wäre doch gerade ihr Miteinander ein «Dream Team» für Klimaschutz und Versorgungssicherheit.