Schneereicher Winter und warmer Februar bei uns, zerstörerischer Wirbelsturm in Ostafrika – bis wohin geht das Wetter und wo beginnt der Klimawandel?
Erklärungen von SRF-Meteorologe Thomas Bucheli.

von Christine Schnapp

Heute verlangen die Leute supergenaue Wetterberichte für jeden Ort zu jeder Zeit. Ist das machbar?
Für den Kurzfristbereich bestimmt. Die globalen Modelle sind immer besser geworden, und diese füttern die hochaufgelösten, feinmaschigen lokalen Modelle mit immer genaueren Ausgangsdaten. Damit sind heute sehr detaillierte Aussagen für die nächsten paar Tage möglich. Im Vergleich zu früher? Die Trefferquote für den dritten Tag ist heute exakter als vor 30 Jahren für den nächsten Tag.

 

Auch Langzeitprognosen wären, beispielsweise für die Planung von Outdoor-Veranstaltungen, wünschenswert. Welche Prognosedauer halten Sie noch für seriös?
Prognosen für rund sieben Tage sind durchaus vertretbar. Darüber hinaus wird es aber kritisch. Absurd sind Prognosen für mehr als zwei Wochen – wie es einige amerikanische Wetterdienste anbieten. Denn für eine exakte Prognose derart weit in die Zukunft bräuchte es fast Molekülgenaue Messungen und Berechnungen. Das ist aber unmöglich und daher ist das System quasi «in sich» immer fehlerbehaftet; die Prognosen werden von Tag zu Tag immer ungenauer. Dank modernster Hochleistungscomputer kann man aber die Langzeitprognose mehrmals berechnen, die unterschiedlichen Lösungsvorschläge miteinander vergleichen und daraus Wahrscheinlichkeiten für die längerfristige Wetterentwicklung ableiten. Solche sogenannte Ensemble-Prognosen sind aber schwierig zu interpretieren und dürfen keinesfalls gleich formuliert werden wie die punktgenauen Prognosen für den nächsten Tag. Das ist unseriös.

 

Das heisst, Sie planen Ihre Wanderungen höchstens sieben Tage im Voraus?
Genau. Ausser wir haben eine blockierte sogenannte Omega-Lage, also eine sehr stabile Hochdrucklage. Die hält oftmals länger, als die Modelle berechnen. Dann wage ich auch mal eine längerfristige Planung.

 

Früher wurden Meteorologen manchmal als Märchenonkel verspottet. Hat das mit den genaueren Prognosen abgenommen?
Schon vor Jahren haben Umfragen gezeigt, dass Meteorologen hinsichtlich «Vertrauenswürdigkeit» im vorderen Mittelfeld eingestuft werden – weit vor manch anderen «achtbaren» Berufsgattungen. Tatsächlich nehmen die Leute zumindest intuitiv wahr, dass die Prognosen immer besser werden. Der Nutzen von Wetterprognosen für die gesamte Volkswirtschaft ist sehr hoch. Daher stützen sich auch viele Unternehmen wie etwa Versicherungen auf unsere Dienste.

 

Vom Aprilwetter sagt man, dass es macht, was es will. Mythos oder Wahrheit?
Die Wechselhaftigkeit ist für den April durchaus typisch. Tatsächlich gewinnt die Sonne ab dem März rasch an Kraft und auch die Vegetation gibt langsam Gas. Trotzdem sind Kaltluftvorstösse aus Norden selbst im April noch eher die Regel als die Ausnahme. Die Sonne vermag den Boden aber rasch zu erwärmen – und das führt zu diesem sprichwörtlichen Aprilwetter: Mal gibt es Sonne, dann wieder einen Regenguss, vielleicht kurzzeitig sogar mit Schnee bis ganz unten. Und wenn es nachts aufklart, kann es auch gern frostig werden!

 

Wie interpretieren Sie die grossen Schneemengen des vergangenen Winters und die warmen Februarwochen? War das noch im normalen Mittel oder ist das schon der Klimawandel?
Das Wetter ist nie in einem normalen Mittel, sondern es ist immer individuell. Erst im Nachhinein betrachtet kann man das Klima daraus ableiten – mit statistischen Grössen wie Mittelwerten, Extremen etc. Will man das Wetter dieses Winters in Bezug auf den Klimawandel analysieren, dann gilt es zu überlegen, wie die Wetterphänomene in die Überlegungen des Klimawandels hineinpassen. Da gibt es welche, die diesem Muster gut entsprechen, und andere weniger. So geht man davon aus, dass die Niederschläge im Winter zunehmen – allerdings bei steigender Schneefallgrenze. So gesehen passen die diesjährigen Schneemengen in den Alpen zu diesen Erwartungen.

 

Und die Temperaturen steigen ja ohnehin.
Es wird immer wärmer – weltweit und auch bei uns. Diese Erwärmung ist gesichert und bildet quasi die Basis der ganzen Klimadiskussion. Komplexer wird es bei der Frage, was das Wetter daraus macht. Gewisse Ableitungen sind offensichtlich: Wärmere Luft trägt mehr Wasserdampf und das führt zu mehr und zu stärkeren Niederschlägen. Aber auch die «normalen» Zirkulationssysteme geraten aus den Fugen. Was heisst das nun – global betrachtet und bei uns? Da gibt es noch manche Fragezeichen, wobei die Forschung regional schon recht präzise Antworten liefern kann.

 

Dann hat Sie der warme Februar nicht überrascht?
Die Nordpolarregion erwärmt sich deutlich rascher als der Rest der Welt. Das führt zu einer Schwächung der Temperaturunterschiede zwischen dem hohen Norden und den mittleren Breiten. Gewisse Thesen aus der Klimaforschung besagen nun, dass dies zu einer Schwächung des Jetstreams führt – was eigentlich naheliegend ist. Damit könnte es vermehrt zu stabilen Drucklagen kommen. Wir hätten dann sozusagen vermehrt eine «Überdosis» von – im Grunde normalen – Wetterlagen, also beispielsweise längere Nassphasen oder anhaltende Trockenheit. So gesehen würde der äusserst milde und sonnige Februar gut zu dieser These passen, mit letztendlicher Sicherheit sagen kann man das aber noch nicht.

 

Das würde bedeuten, dass unser Wetter stabiler wird.
Ja, das würde heissen, dass wir uns länger in bestimmten Druckgebilden befinden könnten. Die Wetterlagen wären zwar normal, aber sie würden länger anhaltend gleich bleiben – Schön- wie Schlechtwetterlagen.

 

Es sind vermehrt Klimatologen, die Wetterprognosen machen. Können die das?
Tatsächlich liegen wir Meteorologen schon ein wenig im Clinch mit den Klimatologen: Diese arbeiten mit langfristigen Klimatrends – aber wir Meteorologen sehen dahinter immer bestimmte Wetterlagen. Sagen die Klimatologen beispielsweise, dass die Winter feuchter werden, dann sehe ich vor meinem meteorologischen Auge eine Zunahme von West- oder Nordwestlagen. Sprechen sie von mehr Trockenheit im Sommer, dann erwarte ich mehr stabile Hochs. Werden demnach die anderen Wetterlagen massiv seltener? Und wenn ja, warum? Noch gibt es dazu keine verbindlichen Antworten vonseiten der Klimaforschung – aber wir sprechen eben nicht unbedingt vom Gleichen. Und das ist mitunter etwas verwirrlich.

 

Worin besteht der Unterschied?
Die Klimatologen sprechen eigentlich von Wahrscheinlichkeiten und künftigen Wetterstatistiken. Man kann schon Wetterereignisse auf der Basis von Wahrscheinlichkeiten prognostizieren – aber letztendlich fokussieren wir uns immer auf das Einzelereignis. Für uns Meteorologen ist ein Gewitter erst mal einfach ein Gewitter, und auch eine Häufung von Gewittern in einem Sommer ist zunächst einfach nur eine Häufung. Erst wenn sich Extreme oder gewisse Muster über einen längeren Zeitraum häufen oder verändern, spricht man von einem Klimawandel. Auch wenn beide Fachrichtungen im Grunde vom Wetter sprechen, meinen wir eigentlich nicht dasselbe. Dies gilt es zu unterscheiden – nicht zuletzt vonseiten der Öffentlichkeit.

 

Wagen Sie eine Prognose, welche Extremwettersituationen in den nächsten fünf Jahren auf uns zukommen?
Als Meteorologe mache ich Wetterprognosen für die nächsten rund sieben Tage. Die Klimatologen sagen uns, was sich in den kommenden Jahrzehnten in statistischer Hinsicht beim «mittleren» Wetter und bei den Extremen ändern dürfte. Das sind zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe.

Thomas Bucheli ist Meteorologe und Moderator der Sendung «Meteo» des Schweizer Fernsehens SRF. Seit 1995 ist er zudem Leiter der SRF-Wetterredaktion.