Die neue Enzyklika «Fratelli tutti» von Papst Franziskus ist ein Plädoyer für einen verantwortlichen Umgang mit der Schöpfung. Jesus lebte 40 Tage in der Gesellschaft wilder Tiere in der Wüste. Bevor er zum Tod verurteilt wurde, ritt er auf einem Esel in Jerusalem ein, wie es die Propheten vorausgesagt haben: Der Messias bringt der ganzen Schöpfung Frieden.

Von Christian Feldmann

Über Jahrhunderte konnten Tiere als Mitgeschöpfe wahrgenommen werden, leidensfähig, über Würde und Rechte verfügend. So steht es schon in den Zehn Geboten: «Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren.» Natürlich sind sie nicht alle begeisterte Vorkämpfer der Tierrechte, die Christen, natürlich degradieren sie ihre von Gott gesegneten Mitgeschöpfe oft genug zum Nutzvieh, mit dem man nach Belieben umspringen darf. «Das Tier kann nicht lieben, es ist ein Egoist», behauptete pikiert der Direktor der einflussreichen Jesuitenzeitschrift «Civiltà Cattolica», Pater GianPaolo Salvini, als italienische Franziskaner an Papst Johannes Paul II. appellierten, im neuen Weltkatechismus müssten Tierversuche kategorisch verboten sein. Doch immer mehr engagierte Christen sind ganz anderer Ansicht. 1988 übertrug das ZDF einen aufsehenerregenden Gottesdienst aus Glauberg in der Wetterau, zu dem ausdrücklich auch Tiere eingeladen waren. Das dort entstandene «Glauberger Bekenntnis» wurde von Günter Altner, Heinrich Albertz, Eugen Drewermann, Kurt Marti und mehr als 400 weiteren Theologen aller Konfessionen unterzeichnet:

«Wir bekennen vor Gott, dem Schöpfer der Tiere,und vor unseren Mitmenschen:
Wir haben als Christen versagt, weil wir in unserem Glauben die Tiere vergessen haben.
(…) Wir haben den diakonischen Auftrag Jesu verraten und unseren geringsten Brüdern, den Tieren, nicht gedient.»

Eine Trendwende im Selbstverständnis der Kirchen, ein Quantensprung im spirituellen Bewusstsein? Eher eine Wiederentdeckung verschütteter Überzeugungen. Dass Tiere so etwas wie eine Seele hätten, nämlich einen Ich-Punkt, ein Stück Nicht-Materie, behauptete schon der Kirchenvater Augustinus.

«Tiere haben sicher eine Seele, alles Lebendige hat eine Seele», betont mehr als eineinhalb Jahrtausende später auch der Benediktiner Anselm Grün. Der 2016 gestorbene Anton Rotzetter, er gehörte dem Kapuzinerorden an, präzisiert, die Bibel kenne nicht den typisch abendländischen Dualismus zwischen Seele und Körper, «die Seele ist ein Bestandteil des leibhaft existierenden Menschen. Und hier gibt es keine Unterschiede zwischen den Tieren, den Pflanzen; das ist der Hauch Gottes, der in der Schöpfung lebt!»

Kommen Tiere in den Himmel? Das fragen Kinder gern – und bekanntlich stellen Kinder die intelligentesten Fragen: «Kommen Tiere in den Himmel?» – «Ja, wohin denn sonst?», antwortet der Priester Rainer Hagencord ohne Zögern. Wenn Gott Liebhaber des Lebens sei «und ihm nichts, was er liebt, aus der Hand fällt», dann könne es gar nicht anders sein. Die Bibel erlaube gar keine andere Antwort, stimmte ihm Frater Rotzetter zu: «Es ist Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, und was er schafft, das vernichtet er nicht einfach wieder, das wirft er nicht einfach weg, sondern alles wird er auf irgendeine Weise, die wir jetzt nicht beschreiben können, in die Endgültigkeit seines Glanzes, in die Fülle des Lebens hinein heben.» Der Einsatz für die vergessene, geschundene, ausgebeutete Kreatur ist heute übrigens auch ein guter Nährboden für den interreligiösen Dialog, denn in allen spirituellen Traditionen findet sich die Überzeugung, dass Tier und Mensch denselben Vater im Himmel hätten. Für die Juden beispielsweise ist Essen immer schon eine Glaubensfrage gewesen, wie die oft belächelten Speisegesetze zeigen: Hinter dem Verbot, Blut oder innere Organe zu verzehren, steckt der Respekt vor dem fremden Leben. Die eigenartige Vorschrift, ein Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter zu kochen, zeugt von Sensibilität für eine Tierfamilie. «Voll ist die Erde von deinen Geschöpfen», heisst es im Buch der Psalmen. «Alle warten auf dich, dass du ihnen Nahrung gibst.» Wir sind Empfangende, nicht Produzenten.

Europäer wundern sich in der Regel über die scheue Verehrung, die das arme Indien der Kuh entgegenbringt, die als heilig gilt und für die man eigene Altenheime baut. Doch die gar nicht dumme, sondern unendlich kostbare Kuh – die Milch spendet, den Acker düngen hilft, den Pflug zieht – macht dem Hindu täglich neu klar, dass alles Leben aufeinander bezogen ist, dass der Mensch sein Leben nicht der eigenen Tüchtigkeit und Technik verdankt. In Gandhis poetischer Sprache ausgedrückt: «Die Kuh ist ein Gedicht des Mitleids. Schutz der Kuh heisst Schutz der ganzen stummen Kreatur Gottes.»

Und der Islam, den man oft vorschnell für seine Praxis des Schächtens schilt, die ursprünglich einen humanen Fortschritt bedeutete und deren weitere Humanisierung durch Betäubung heute diskutiert wird? Mehr als 200 Koranverse sind den Tieren gewidmet. Muhammad vertrat die Ansicht, es sei keine Gnade für ein Tier, gut behandelt zu werden, sondern sein Recht. Entsetzt verbot er das Töten von Fröschen, weil sie das Lob Gottes singen würden.

Unter den Islamgelehrten ist es Konsens, dass am Jüngsten Tag auch die Tiere vor Gott stehen werden: «Er hat sie alle gezählt (…). Und sie alle werden am Tag der Auferstehung einzeln zu ihm kommen», heisst es im Koran. Die Massentierhaltung lehnen die meisten muslimischen Religionsführer ab, weil sie gegen die Grundrechte der Tiere auf Gemeinschaft mit Artgenossen, auf ein natürliches Leben und einen schmerzlosen Tod verstösst. Das Ende der Menschheit oder ihr freiwilliges Abschiednehmen von der Natur sei eine durchaus ernst zu nehmende Möglichkeit, gab Anton Rotzetter zu bedenken. «Die Natur hat Millionen von Jahren ohne den Menschen existiert, und sie wird ihn ganz sicher überleben können.» Er zitierte gern die nüchterne Forscherwahrheit, dass man schon heute das Dreifache der Erdoberfläche brauchen würde, wenn alle Menschen so leben wollten wie wir. In der Tat, es ist fünf vor zwölf für unsere Erde. Müssen alle spirituell orientierten Menschen ab sofort Vegetarier werden? Ist es eine Sünde, Fleisch zu essen? Bruder Rotzetter antwortete barmherzig, wie Ordensleute nun einmal sind:

«Ich muss als Mensch, nicht einmal nur als religiöser Mensch, ein gutes Gewissen haben, wenn ich esse. Ich kann nicht auf Kosten anderer Wesen leben. Eindeutig ist zum Beispiel, dass Fleisch aus einer Massentierhaltung – die ist nicht tiergerecht – nicht mit gutem Gewissen gegessen werden kann. Oder dass Gänseleber, die mit Qual verbunden ist, nicht mit gutem Gewissen gegessen werden kann. Und so müsste ich mich eigentlich jedes Mal fragen: Woher kommt das Fleisch? Ist das Fleisch das Resultat eines ehrfürchtigen Umganges mit der Kreatur? Auch mit dem Menschen?

Wenn es so ist, dass wegen des Fleischkonsums Menschen in Lateinamerika von ihren Höfen, von ihrem Boden vertrieben werden, dass sie ins Elend und in die Armut getrieben werden, weil wir Kraftfutter brauchen für das tägliche Fleisch auf unseren Tellern, dann kann man dieses Fleisch nicht mehr mit gutem Gewissen essen. Und dann kommt noch eine Frage: Dürfen wir überhaupt töten? Dürfen wir einfach Leben zerstören? Hat nicht jedes Leben ein Recht auf Leben?»