Ein Glaubensimpuls von Pater Tobias Karcher SJ

Kurz vor Weihnachten, als Licht und Sterne das Stadtbild prägten, führte mich ein Krankenbesuch in das Universitätsspital Zürich. Die Rezeptionistin begrüsste mich warmherzig und nannte mir die Zimmernummer. Auf dem Weg zum Krankenzimmer prangte mir an der Wand in riesigen Lettern folgender Spruch entgegen: «Wir folgen keinem Stern, sondern neuesten medizinischen Erkenntnissen.» Aha. Ich musste schmunzeln. Dass man in einem Unispital auf wissenschaftliche Erkenntnisse setzt, das hätte ich auch als gläubiger Christ angenommen. Aber von welchem Stern muss man sich abgrenzen? In einer Fussnote wird der geneigte Leser dann darauf aufmerksam gemacht, dass er auch in der Weihnachtszeit auf eine gute medizinische Betreuung hoffen darf. Ein Werbegag. Aber vielleicht auch eine Einladung, uns zu fragen, ob das stimmt.

Stehen christlicher Glaube und naturwissenschaftliches Denken im Widerspruch? Muss ich mich für die eine oder andere Perspektive entscheiden? Natürlich nicht. Das Evangelium, die christliche Botschaft, ist ein Angebot, die Welt zu deuten und aus einer Beziehung heraus zu leben. Wir können selbstverständlich auch gut ohne das Evangelium auskommen während wir medizinische Forschung betreiben. Der evangelische Theologe Eberhard Jüngel hat es für mich einmal prägnant in Worte gefasst. Er sagte: «Gott ist nicht notwendig. Wir brauchen Gott nicht, um die Welt zu erklären.» Er präzisierte: «Gott ist mehr als notwendig.» Wie können wir dann das christliche Menschenbild verstehen? Im christlichen Verständnis können wir den Menschen vielleicht in folgenden drei Spannungsbögen beschreiben:

Der Mensch ist Geschöpf. Er verdankt sein Leben einem Ursprung, über den er selbst nicht verfügen kann und den wir Gott nennen. Gleichzeitig ist der Mensch autonom. Er und sie können und sollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Dem Gelähmten sagt Jesus im Evangelium: «Nimm deine Bahre und geh!» (Joh 5). Der Mensch ist sterblich. Er ist aus Fleisch und Blut und deswegen verwundbar. An Weihnachten feierten wir gerade das Wagnis der Verwundbarkeit, so die katholische Theologin Hildegund Keul. Gott macht sich selbst verwundbar. Das war kein Betriebsunfall, sondern die Einladung, es Gott gleichzutun. Auch wir sollen uns verwundbar machen. Nur dann, wenn wir das Leben riskieren, einander offen begegnen, Verletzungen in Kauf nehmen, können wir wachsen und reifen. Und gerade in seiner Verwundbarkeit und Sterblichkeit ist der Mensch fähig, über sich hinauszuwachsen. In Liebe und Vertrauen. Über den Tod hinaus. Und schliesslich: Der Mensch ist mit Freiheit begabt. Wir können das Beziehungsangebot Gottes annehmen. Wir können es aber auch lassen. Und weil wir frei sind, sind wir auch schuldfähig. Wir können uns dem Geist der Liebe öffnen oder dem Geist der Gewalt. Gott ist in unserem Leben nicht notwendig. Gott ist mehr als notwendig. Auf der Heimfahrt von Zürich nach Zug, zu unserem Lassalle-Haus, war der Himmel sternenklar. In der Betrachtung des Sternenhimmels füllte sich mein Herz mit Dankbarkeit gegenüber einem Gott, der mir als Schöpfer und menschgewordener Bruder begegnet.

Tobias Karcher SJ ist Jesuit und leitet das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn, das Zentrum für interreligiöse Begegnung mit den Schwerpunkten Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Weitere Informationen unter www.lassalle-haus.org.