Ein Glaubensimpuls von Tobias Karcher SJ

Die Frage an mich war, ob es eine Zusammenfassung gebe, von dem, was Jesus gewollt habe. «Sicher», entgegnete ich und verwies auf die drei Kapitel der Bergpredigt Mt 5 bis Mt 7. In wenigen Minuten können wir lesen, was Jesus wichtig war: Die Einladung zur Versöhnung und zur Feindesliebe, das Vaterunser, Entschiedenheit und doch kindliches Vertrauen, die Lebensfreude, wofür bildhaft die Lilien auf dem Felde stehen. Aber gibt es auch einen Schlüssel zu der inneren Haltung Jesu, für die das Verhalten ja nur der äussere Ausdruck ist?
Dieser Schlüssel ist das Gleichnis vom Sämann. Die Bilder dieses Gleichnisses können uns auf unmittelbare Weise berühren. Ignatius von Loyola, der Ordensgründer von uns Jesuiten, schlägt uns dazu eine besondere Art der Schriftmeditation vor.
Wollen Sie es einmal versuchen? Dann schliessen Sie die Augen. Lassen Sie die folgenden Bilder vor ihrem geistigen Auge lebendig werden. Die Landschaft, in der der Sämann aktiv ist. Ist es eine Landschaft aus dem Nahen Osten oder eine Landschaft aus unseren Breitengraden? Können wir die Wiesen und Felder vor uns sehen? Ist es eine Morgen- oder eine Abendstimmung, die das Bild prägt? Wenn wir nun den Sämann lebendig werden lassen, können wir sehen, wie er den Samen aus seiner Schürze holt und in elegantem Bogen in die Furchen wirft. Wie er Schritt für Schritt vorangeht und aussät. Immer mit der gleichen Bewegung. Lassen wir einen Moment dieses Bild auf uns wirken.
Das Gleichnis vom Sämann. Vielleicht sind bei manchen von uns die berühmten Bilder des niederländischen Malers Vincent van Gogh lebendig geworden. Van Gogh, der den Sämann auf den trockenen Feldern Südfrankreichs aussäen lässt. Die untergehende Sonne taucht die Felder in ein goldenes Licht.
Was wohl die Haltung jedes Sämanns kennzeichnet? Er sät voll Vertrauen. Voll Vertrauen, dass ein Grossteil des Samens schon auf guten Boden fallen wird. Und eine zweite Haltung ist wesentlich: Er sät grosszügig aus. Er zählt nicht mühsam die Samen einzeln ab, die durch seine Hände gleiten. Im Gleichnis ist der Schöpfergott der Sämann. Gott sät aus. Voll Vertrauen und grosszügig. Auch in unser Leben hinein. Und so grosszügig und vertrauensvoll, wie Gott uns begegnet, so grosszügig und vertrauensvoll sollen auch wir Gott und einander begegnen. Das ist der Schlüssel zur Bergpredigt und zur Lehre Jesu.
Nicht nur die lieben, die auch uns gegenüber freundlich sind. Nicht nur denen Gutes tun, die auch uns immer wieder helfen. Das einzelne Handeln erscheint sekundär. Es geht um die innere Haltung, um diese Haltung des Vertrauens und der Grosszügigkeit, wie sie uns der Sämann vorlebt.

In einem Gedicht von Rose Ausländer finde ich diese Haltung treffend beschrieben:

Wirf deine Angst
in die Luft.

Bald
ist deine Zeit um
bald
wächst der Himmel
unter dem Gras
fallen deine Träume
ins Nirgends.

Noch
duftet die Nelke
singt die Drossel
noch darfst du lieben
Worte verschenken
noch bist du da.

Sei, was du bist.
Gib, was du hast.

Tobias Karcher SJ ist Jesuit und leitet das Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn, das Zentrum für interreligiöse Begegnung mit den Schwerpunkten Spiritualität, Dialog und Verantwortung. Weitere Informationen unter www.lassalle-haus.org.