Das Gleichnis vom verlorenen Sohn und vom barmherzigen Vater (Lk 15): Es ist für mich eine der schönsten Erzählungen aus dem Neuen Testament. Rembrandt hat dieses Gleichnis meisterhaft gemalt. Das berühmte Bild, das wir in der Eremitage in Sankt Petersburg bewundern können, hält den Moment fest, als der jüngere Sohn nach Hause zurückkehrt und dem Vater begegnet. Der Sohn geht vor dem Vater auf die Knie. Der Vater, leicht nach vorne gebeugt, legt dem Sohn beide Hände auf die Schultern. Ein inniges Bild.

Dieses Bild von Rembrandt entdecken wir auch in dem Film «Die weisse Krähe» über Rudolf Nurejew. Der russische Tänzer hat auf ganz eigene Weise das klassische Ballett neu interpretiert und geprägt. In einer spektakulären Aktion setzte er sich 1961 während einer Auslandstournee von seiner Tanzgruppe in Paris ab und beantragte Asyl.

Schon als junger Mensch bewundert Nurejew die klassische Kunst. Bei der Betrachtung dieses Werkes von Rembrandt werden Nurejews Kindheitserinnerungen lebendig. Sein Vater, vom Krieg heimgekehrt, begegnet zum ersten Mal dem kleinen, eingeschüchterten Jungen. Und wie im Bild von Rembrandt legt der Vater beide Hände auf seine Schultern. Der Junge zögert. Dann kann auch er die Arme ausbreiten und sich an den Beinen des hünenhaften Vaters festhalten.

Eine weitere Szene des Films zeigt, wie der junge Nurejew seinen Vater auf der Jagd begleitet. Der Vater zündet mitten im Wald ein Feuerchen an, wo sich der kleine Junge wärmen und auf ihn warten soll. Allein im dunklen Wald hat der kleine Junge zunächst Angst. Doch durch das Vertrauen in den Vater erfährt er den Wald nicht mehr als Bedrohung, sondern als Geborgenheit. Diese Bilder des Waldes tauchen bei Nurejew auf, als er mit der russischen Tanzgruppe die Sainte-Chapelle in Paris besucht. In diesem Juwel gotischer Baukunst, dessen Streben sich wie riesige Bäume über dem Betrachter wölben, kommt es zu der seltsamen Reaktion von Nurejew, der seinen französischen Gastgebern erklärt, hier in der Sainte-Chapelle wolle er wohnen.

Rembrandts Gemälde und der Film geben wertvolle Impulse zur Interpretation des Gleichnisses. Viele von uns kennen die Erfahrung der Entfremdung. Oft unverschuldet. Wie bei dem kleinen Nurejew, der seinen Vater nie kennenlernen konnte, weil er im Krieg war. Und doch braucht es auch in diesen Situationen die Bereitschaft in zaghaften, kleinen Schritten auf unser Gegenüber, auf das Leben zuzugehen. Im Film zögert der kleine Nurejew. Wie könnte er einem wildfremden Mann vertrauen, den er nie gesehen hat. Manchmal müssen wir uns selbst ermuntern, diesen ersten Schritt zu tun. Wir sind aufgefordert, Schicksalsschläge anzunehmen und doch einem menschenfreundlichen Gott zu vertrauen, der uns geschaffen hat, der uns das Leben schenkt. Ein Gott, der uns Vater und Mutter sein will.

Im Bild von Rembrandt sind die Hände des Vaters, die auf den Schultern des jüngeren Sohnes ruhen, nicht gleich. Die eine Hand ist männlich, die andere weiblich. Genial, wie frei Rembrandt das Gleichnis interpretierte.