Im November vergangenen Jahres bezahlte John Chau seinen Missionierungsversuch auf North Sentinel Island (Indien) mit dem Leben. Die Inselbewohner gelten als  «unkontaktiertes Volk» – seit Jahrhunderten verweigern sie sich dem Rest der Welt. Über 100 weitere isolierte Völker soll es in Asien, Südamerika und vielleicht auch Afrika noch geben. Müssen wir ihren Wunsch, in Ruhe gelassen zu werden, respektieren – oder werden sie ohne unser Eingreifen ausgelöscht?

von John Micelli

Die Insel North Sentinel im Indischen Ozean gehört zur Inselgruppe der Andamanen, ist halb so gross wie Appenzell Innerrhoden und ihre höchste Erhebung reicht 112 Meter über den Meeresspiegel. Die Sentinelesen scheinen mit den Onge und den Jarawa – indigenen Völkern auf den Nachbarinseln – verwandt zu sein, sprechen aber nicht die gleiche Sprache. Forscher vermuten, dass die Andamanen vor 40 000 Jahren besiedelt worden sind, als sich der Homo sapiens von Afrika aus nach Indonesien, Neuguinea und Australien ausbreitete.
Gewissheit über die Anwesenheit von Menschen auf North Sentinel hat man aber erst seit 1771, als ein Forschungsschiff der East India Company einen Feuerschein auf der Insel beobachtete. Die Andamanen waren während Jahrhunderten Reservoir für arabische, malaysische und chinesische Sklavenhändler. Die Briten errichteten im 19. Jahrhundert auf einer der grossen Hauptinseln eine Strafkolonie – für andere Europäer waren die Inseln bis heute wirtschaftlich uninteressant. Vielleicht konnten deshalb auf einigen wenigen der insgesamt über 500 Eilande mehrere indigene Volksstämme ihre angestammte Lebensweise beibehalten. Nicht alle allerdings wehrten sich so rabiat gegen Eindringlinge wie die Sentinelesen.
Einige Angehörige der Jarawa beispielsweise verliessen Ende der 1990er Jahre die Urwälder auf den benachbarten Inseln Middle Andaman und South Andaman – wo sie bis zu diesem Zeitpunkt isoliert gelebt hatten – und besuchten Siedlungen an den Küsten. Seit aber die indische Regierung – die Andamanen bilden zusammen mit der weiter südlich gelegenen Inselgruppe der Nikobaren ein Unionsterritorium der indischen Bundesrepublik – den Tourismus auf den abgelegenen Inseln fördert, drohen die Jarawa zur Touristenattraktion zu verkommen: Obwohl sie in geschützten Territorien leben, Aussenstehenden der Kontakt mit ihnen, das Filmen oder Fotografieren verboten ist, nutzen findige Geschäftsleute Gesetzeslücken, um «Safaris» anzubieten. Auf Tagesausflügen von den Ressorts zu Sehenswürdigkeiten auf den Inseln versprechen die Veranstalter den Reisenden auch einen Blick auf die «Wilden» im Lendenschurz, die in den Regenwäldern auf die Jagd gehen.

Kontakt macht krank

Die grösste Gefahr für unkontaktierte Völker allerdings sind Krankheitserreger: Durch ihre Isolation haben sie keine Immunität gegen Viruserkrankungen entwickelt – Masern, Windpocken, Grippe oder eine simple Erkältung löschen ganze Clans aus. Die Geschichte lehrt, dass über die Hälfte eines Stammes nach Erstkontakten mit der Aussenwelt von Krankheiten dahingerafft werden kann. Welche Folgen der Besuch John Chaus auf North Sentinel Island für die Inselbewohnerinnen und Inselbewohner hat, wird sich also unter Umständen erst in naher Zukunft zeigen. Eine Sprecherin von All Nations – der Missionsgesellschaft, der Chau angeschlossen war – beteuert zwar, der Missionar sei vor seinem Besuch der Insel medizinisch ausgebildet und geimpft worden.
Der Anthropologe Sydney Possuelo aber, der einst im Auftrag der brasilianischen Militärregierung indigene Völker im Amazonasgebiet aufspürte und 1991 Präsident der Fundação Nacional do Índio (Funai) – der nationalen Behörde Brasiliens für Indianer – geworden war, erzählt ernüchtert: «Ich organisierte Ärzte und Pflegefachpersonen, legte einen Vorrat von Medikamenten gegen die Epidemien an. Ich hatte Fahrzeuge, einen Helikopter, Funkgeräte und erfahrenes Personal. ‹Wir werden keinen einzigen Indianer sterben lassen!› – dachte ich. Dann kam der Kontakt zustande, die Krankheiten brachen aus und die Indianer starben.»
Die Funai war 1967 gegründet worden und ist für die Erfassung von Gebieten, die traditionell von indigenen Völkern bewohnt und genutzt werden, zuständig. Auch der Schutz dieser Gebiete vor Eindringlingen fällt in ihren Bereich, ebenso die Einhaltung der Rechte indigener Völker, wie sie in der Verfassung und im Brasilianischen Indianerstatut festgelegt sind. Bis in die späten 1980er-Jahre verfolgte die Behörde eine Politik der Integration und Assimilation indigener Völker in die Mehrheitsgesellschaft. Unter Possuelos Führung aber erhielt das Selbstbestimmungsrecht mehr Gewicht. «Unsere Gesellschaft ist für uns geschaffen, nicht für die Indianer – ich begann mich zu fragen, was wir da für ein Chaos verursachen», erklärt der Menschenrechtler heute seine Positionen. «Wenn ein Volk isoliert und in Frieden lebt, wenn es durch nichts bedroht wird, warum müssen wir es dann kontaktieren? Nur weil wir wissen, dass es existiert?»

Gefahr im Anzug

Eine Unterabteilung der Funai, die Coordenação Geral de Índios Isolados e Recém Contatados (GIIRC), die brasilianische Koordinierungsabteilung für unkontaktierte Indianer, ist die einzige Regierungsabteilung weltweit, die sich dem Schutz indigener Völker widmet, die keinen oder nur sehr sporadischen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft des Landes und zu anderen indigenen Völkern haben. Im Amazonasbecken im Grenzgebiet zwischen Brasilien, Kolumbien, Ecuador, Peru und Bolivien findet sich denn auch die Mehrheit der über 100 bekannten oder vermuteten unkontaktierten Völker weltweit.
Unter dem frisch gewählten brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro aber, der nie ein Geheimnis aus seiner Verachtung für die amerikanischen Ureinwohner gemacht hat, zeichnen sich Rückschläge beim Schutz der Indianer ab: Der massive Protest von Aktivisten konnte nicht verhindern, dass die Funai vom Justiz- ins Landwirtschaftsministerium verlegt wurde – also unter die Fittiche der mächtigen Agrarlobby, die in Brasilien zunehmend an Einfluss gewinnt und im Wahlkampf eine der wichtigsten Unterstützergruppen Bolsonaros war. Der neue Präsident hat versprochen, Kontrollen und Strafen für Umweltdelikte zu reduzieren, Umweltauflagen zu lockern und die Genehmigung von Infrastruktur- und Bergbauprojekten zu vereinfachen. Auch die Indianerreservate, die rund zehn Prozent der Landesfläche einnehmen, sollen davor nicht verschont bleiben. Das hat Folgen für die ganze Erde: «Die Vernichtung des grössten Regenwaldes der Welt bedeutet nicht nur eine Gefahr für die Artenvielfalt, sondern hat auch direkte Auswirkungen auf den Klimaschutz», betont Nicole Anliker, Lateinamerika-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung.
Den betroffenen indigenen Stämmen aber entziehen diese Lockerungen der Schutzmassnahmen in vielen Fällen unmittelbar die Grundlage ihrer Existenz. Schon heute kommt es beim Zusammentreffen von Indianern mit Goldsuchern, Holzfällern, Drogenkurieren oder Schergen der Grossgrundbesitzer – die vielfach illegal ganze Landstriche roden – immer wieder zu Gewalt. Volksgruppen werden aus ihren angestammten Territorien vertrieben, geraten in Konflikte mit anderen Stämmen oder müssen die Sesshaftigkeit aufgeben und zu einem nomadischen Leben zurückkehren. Wie viele Sprachen und Kulturen durch den ungehinderten Raubbau im Amazonastiefland in den vergangenen Jahrzehnten schon ausgelöscht wurden, kann niemand sagen.

Wollen oder müssen?

Vor diesem Hintergrund rufen die Anthropologen Robert Walker von der University of Missouri und Kim Hill von der Arizona State University dazu auf, die auch von den Vereinten Nationen getragene Devise «Lasst sie in Ruhe» zu überdenken. Ethnohistorische Analysen zeigten, dass diese Volksgruppen durch sporadischen Kontakt und wiederkehrende Gewalt grosser Gefahr ausgesetzt seien.
Walker und Kim haben während über zehn Jahren hochaufgelöste Satellitenbilder ausgewertet, um die Entwicklung von acht verschiedenen, unkontaktierten Gruppen im Amazonasgebiet zu verfolgen. Nur einer von ihnen, einem Dorf mit rund 400 Einwohnern, räumen sie Chancen ein, längerfristig zu überleben. Die anderen Gruppen seien mit bis zu 120 Mitgliedern zu klein, würden durch die Wirtschaftstätigkeit in ihren Territorien in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, von Nachbarstämmen isoliert und so leichter Opfer von Übergriffen. Walker und Kim bezweifeln auch die Freiwilligkeit der Isolation unkontaktierter Völker: «Interviews nach Erstkontakten haben gezeigt, dass die Isolation meist aus Angst vor Mord oder Versklavung gewählt wurde.» Menschen seien gesellige Wesen mit einem angeborenen Wunsch nach Austausch mit anderen Individuen und Gruppen. «Diese Menschen wollen Handel betreiben – in erster Linie, um an Stahlwerkzeuge zu kommen; und sie sehnen sich nach neuen Ideen und Chancen», schreiben die beiden Professoren in ihrem Forschungsbericht und empfehlen deshalb, jene Gruppen zu kontaktieren, bei denen über einen längeren Zeitraum keine Zunahme der Bevölkerung beobachtet werden konnte.
Dieser Kontakt müsse von einem gut ausgebildeten Team hergestellt werden. Lebensmittel, Medikamente und Impfstoffe mitzuführen, sei unumgänglich, «um Todesfälle, Verwirrung und Verzweiflung, was für die vorangegangenen Kontaktversuche charakteristisch war, zu vermeiden». Auch dass dieses Vorgehen gewaltige finanzielle Ressourcen benötigt sowie die Unterstützung der politischen Gremien in den jeweiligen Ländern, steht im Bericht–was zurzeit eine korrekte Umsetzung der angedachten Massnahmen in Lateinamerika, aber auch im Kongobecken oder in Indonesien und Malaysia, wo in den Regenwäldern weitere isolierte Völker vermutet werden, eher unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Wichtiger Schutz

Die Nichtregierungsorganisation Survival International, die sich seit 1969 für die Rechte isolierter Völker einsetzt, bezeichnet den Bericht von Walker und Kim denn auch als «gefährlich und irreführend». Der These, dass kleine isolierte Gruppen auf lange Sicht nicht überlebensfähig seien, widerspricht die Organisation in einem offenen Brief an die Wissenschaftler:  «Wo ihr Land unter Schutz steht, blühen die Gemeinschaften auf.» Das Ansinnen der Anthropologen widerspreche nationalen Gesetzen und internationalen Abkommen.
Tatsächlich hält die Uno in einer – allerdings für die Mitgliedstaaten rechtlich nicht bindenden Deklaration fest, dass indigenen Völkern aus ihrem Recht auf Selbstbestimmung auch das Recht erwachse, frei über ihren politischen Status zu entscheiden und in Freiheit ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung zu gestalten. Survival International schreibt, wer für einen erzwungenen Kontakt plädiere, spiele jenen in die Hände, die im Namen von «Fortschritt» und «Zivilisation» das Land der Urbevölkerung stehlen wollten, um die Ressourcen der Regenwälder zu plündern. Joênia Wapichana, die sich als erste indigene Frau im brasilianischen Parlament auch als Vertreterin unkontaktierter Völker sieht, gibt sich deshalb im Interview mit der spanischen Tageszeitung El Diario kämpferisch: «Die indigenen Völker leisten seit Jahrhunderten Widerstand.» Bleibt zu hoffen, dass der traurige Vorfall auf North Sentinel Island diesem verzweifelten Kampf wieder mehr Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit verschafft.