Kürzlich bin ich wieder einmal an der Wäscherei vorbeigefahren, in der ich vor Jahrzehnten ein Praktikum machte. Davon habe ich eine bleibende Erinnerung. An diesem Ort herrschte eine von Misstrauen, Hektik und Angst geprägte Atmosphäre, zudem war der Raum mit warmem Dampf, ekligen Geruchsschwaden und einem ohrenbetäubenden Lärm erfüllt. Eine der Arbeiterinnen hatte an ihrem Arbeitsplatz eine Spruchkarte aufgehängt: «Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her» stand darauf. Offenbar haben der Frau diese Worte in den bösen Umständen etwas Verlässliches vermittelt. Das berührte mich sehr und ich habe die kleine Begebenheit nie mehr vergessen.

Wir brauchen Verlässlichkeit. Verlasse ich mich doch jeden Morgen darauf, dass der Wecker klingelt. Ich rechne damit, dass der Sonntagsgottesdienst um zehn Uhr beginnt und der Lift mich vom ersten in den fünften Stock trägt. Genauso vertraue ich darauf, dass im Laden die Gestelle mit all den Sachen gefüllt sind, die ich brauche. Am Donnerstag den Sonntag im Briefkasten vorzufinden und am Samstag meine Mutter im Altersheim zu besuchen, auch dies sind selbstverständliche Verlässlichkeiten.

Und dann kam die Corona-Pandemie. Innert kürzester Zeit war vieles gar nicht mehr verlässlich. Wer hätte je gedacht, an der Kirchentür ein solches Plakat vorzufinden: «Es finden bis auf Weiteres keine öffentlichen Gottesdienste statt?» Wer hat damit gerechnet, im Laden leere Gestelle anzutreffen? Wer hat sich vorstellen können, die Mutter im Altersheim nicht mehr besuchen zu dürfen?

Das Wegbrechen so vieler Selbstverständlichkeiten verunsichert und belastet. Mich um Dinge kümmern müssen, die lange Zeit oder sogar seit jeher selbstverständlich sind, das kostet Kraft, beunruhigt und irritiert. Die Pandemie zeigt, dass Verlässlichkeit kein Synonym für das Leben ist. Zu viel Unwägbares und Unberechenbares können geschehen. Wie gut, wenn wir Orte und Zeiten der Verlässlichkeit finden und geniessen können.

«Immer wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.» Sicher ist dieser Satz keine grossartige dichterische Leistung. Für diese Arbeiterin in der Wäscherei jedoch wies er in ihrem hektischen, von unberechenbaren Befehlen zerhackten Arbeitstag auf Verlässliches hin.

Im Glauben darf ich dieses «Irgendwoher-Lichtlein» mit Gott benennen. Und vielleicht kann in diesen sommerlich hellen Tagen das Licht ein Bild für diesen verlässlichen Gott sein. Das Licht, das ganz verlässlich da ist, mich umhüllt, mir Klarheit schenkt und in dessen Glanz ich Kraft schöpfen darf für all das viele Unverlässliche, kraftraubend Unwägbare des Lebens.