Es ist Herbst geworden, die Laubbäume färben sich bunt und bald verlieren sie ihre Blätter. Eine gute Zeit, sich über das Verlieren Gedanken zu machen, denn dieses betrifft nicht nur die Bäume, sondern uns alle. Ja, was kann nicht alles verloren gehen! Der Schlüsselbund, der Ehering, das Gepäck, das Handy, die Jacke, der Regenschirm, das eben gelöste Billett, der Notizzettel und noch vieles mehr. Auch das, was ich nicht mit den Händen greifen kann, kann ich verlieren: die Hoffnung, das Vertrauen, den Glauben, Illusionen, die Geduld, die Gesundheit, ja sogar den Verstand – diesen aber meistens nur fast. Ein besonders schlimmer Verlust ist jener von Menschen, die wir durch Trennung, Streit oder durch den Tod verlieren können. Besonders häufig melden sich Verluste im Alter. Da verliert man einerseits natürlich die Jugendlichkeit und die Spannkraft, es kann aber auch die Hörfähigkeit, das Sehvermögen, die Gehfähigkeit, die Arbeitskraft sein.

So viel Verlieren, so viele Verluste, die jeden von uns mehr oder weniger treffen können. Wo lässt sich bei so viel Einbussen, Dahinschwinden und Verlieren Trost finden? Meister Eckhart, der grosse Dominikanermönch aus dem 13. Jahrhundert, hat darüber geschrieben. Er meint Folgendes:

«Nun setze ich den Fall, ein Mensch habe hundert Mark; davon verliert er vierzig und behält sechzig. Will der Mensch nun immerfort an die vierzig denken, die er verloren hat, so bleibt er ungetröstet und bekümmert. Wie könnte auch der getröstet sein und ohne Leid, der sich dem Schaden zukehrt und dem Leid und das in sich und sich in es einprägt und es anblickt, und es schaut wiederum ihn an, und er plaudert mit ihm und spricht mit dem Schaden, und der Schaden hinwiederum plaudert mit ihm, und beide schauen sich an von Angesicht zu Angesicht? Wäre es aber so, dass er sich den sechzig Mark zukehrte, die er noch hat, und den vierzig, die er verloren hat, den Rücken kehrte und sich in die sechzig versenkte und die von Antlitz zu Antlitz anschaute und mit ihnen plauderte, so würde er sicherlich getröstet.»

Die Gefahr, sich auf das Verlorene zu fixieren, ist sehr gross, denn dieses, obwohl nicht mehr vorhanden, drängt sich immer wieder in den Vordergrund des Denkens und Fühlens. Ebenso tröstlich wie heilsam kann es deswegen sein, hin und wieder abends bewusst auf das zu blicken, was ich nicht verloren habe, auf das, was da ist, mir geschenkt und gegeben.

Und der ganz grosse Trost, der entspringt dem Vertrauen, dass ich das in mir wohnende ewige Leben, auf keinen Fall verlieren kann. Denn dieses ist unverlierbar von Gottes Hand getragen und darin geborgen.