Die Wirkung der Versöhnung wird in der Gesellschaft unterschätzt. Das will die Konferenz «versöhnt leben» ändern. Im Februar hat sie zum ersten Mal in Bern stattgefunden, um die Chancen und Grenzen von Versöhnungsprozessen zu vertiefen. Die Resonanz war so gut, dass «versöhnt leben» zur Institution werden soll.

 von Anton Ladner

Es war während eines Besuches in Neapel. Ausgewählte junge Menschen konnten Papst Franziskus Fragen stellen. Was im Familienleben das Wichtigste sei, wollte eine junge Frau vom Papst wissen. «Am Abend versöhnt ins Bett gehen», sagte der Papst. Konflikte seien Teil des Familienlebens, aber dennoch solle man versuchen, sich vor dem Schlafengehen zu versöhnen. Jahre zuvor wurde Franziskus von einem argentinischen Journalisten gefragt, was für ein glückliches Leben entscheidend sei. Als ersten Punkt führte der Papst «leben und leben lassen» an. Man könnte seine Botschaft wie folgt zusammenfassen: Nicht die Ich-und-Gott-Beziehung ist für das Menschsein entscheidend, sondern der Umgang mit den Mitmenschen, das versöhnte Zusammenleben. Damit ist auch gesagt, dass Versöhnung weit über einen religiösen Kontext hinausgeht, denn es handelt sich um ein tief menschliches Bedürfnis. Allerdings ist diese Sehnsucht, versöhnt zu leben, oft verschüttet und kaum mehr spürbar. «Zu den Ursachen der Schwierigkeiten, sich zu versöhnen, gehören tiefe Verletzungen, Kränkung», sagt der Psychiater und emeritierte Professor für klinische Psychiatrie Daniel Hell. Eine Aufforderung zur Versöhnung könne dann eine grosse Überforderung, Belastung und gar Beschämung sein. «Mitunter gelingt der Sprung über den eigenen Schatten nicht», so Hell. Er war einer der Referenten der Konferenz «versöhnt leben», die vom 6. bis 8. Februar in Bern in Kooperation mit der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften stattgefunden hat. Zahlreiche Referate und Workshops haben an diesem Anlass die Bedeutung der Versöhnung aus unterschiedlichen Blickwinkeln ausgeleuchtet – in einem weiten Bogen: Zum Beispiel «Versöhnung zwischen Kirchen», «Zerbrochene Partnerschaft und Versuche zur Versöhnung», «Verletzungen loslassen – das Potenzial von Verzeihen», «Vergangenheit aufarbeiten – Swisspeace in internationalen Engagements». Einblick über Chancen und Grenzen in Versöhnungsprozessen lieferte auch der Film ‹Unforgiven Rwanda› an einem öffentlichen Abend der Konferenz. Hier ging es um die Frage, wie Versöhnung zwischen Opfern und Tätern möglich ist in diesem von Völkermord geprägten Land?» Die Themen dokumentieren, dass Versöhnung auch in der Politik, bei den friedensichernden Massnahmen eine zentrale Rolle hat bzw. hätte. Denn die Bedeutung der Versöhnung hat in der modernen Gesellschaft keinen zentralen Stellenwert. Im Gegenteil: Die politischen Polarisierungen derzeit, angefeuert von einem US-Präsidenten, der sich von Konflikten bessere Resultate erhofft, lassen die Versöhnung als unattraktiv und «Zeichen der Schwäche», so Donald Trump wörtlich, erscheinen.

Ins Leben gerufen hat die Konferenz «versöhnt leben» Tom Sommer. Wenn man ihn nach seiner Motivation fragt, greift er weit in seine Kindheit zurück. «Ich habe den sexuellen Missbrauch in der Kirche am eigenen Körper erlebt. Das hat mich irgendwie nie mehr losgelassen. Die Frage des Verzeihens, der Versöhnung hat mich deshalb ein Leben lang begleitet.» Jeder Mensch müsse mehr oder weniger intensiv die Erfahrung machen, dass friedvolles und respektvolles Zusammenleben eben keine Selbstverständlichkeit sei. Dennoch wolle eigentlich jeder Mensch in Frieden leben, sagt Sommer, der heute nebenamtlich in der Kirchenpflege der reformierten Kirche Würenlos wirkt. «Verzeihen, sich versöhnen, ist aber schwierig, gleich ob in der eigenen Beziehung, in der Familie, im Berufsleben.»

Um das zu thematisieren, entstand um Tom Sommer eine Kerngruppe mit Bruno Graber, ehemaliger Leiter Zentralgefängnis Lenzburg, Thomas Schlag, Professor für Praktische Theologie der Universität Zürich, und Nicole Schmarewski, Master in Konfliktforschung, die zur Plattform versoehnt.ch führte. Eine Veranstaltung war der nächste logische Schritt. Dabei ist es Tom Sommer gelungen, ein interdisziplinäres Komitee aus Vertretern verschiedener Universitäten und Organisationen für das Vorhaben zu gewinnen. Das ist ganz zentral für die Breitenwirkung und Nachhaltigkeit. Tom Sommer, Vater dreier erwachsener Kinder, hat Verhaltenswissenschaft und Konfliktanalyse studiert und später lange in der Tierschutzforschung gearbeitet, damals ein konfliktbeladenes Feld.

Die von ihm realisierte Konferenz «versöhnt leben» haben u.a. zahlreiche reformierte und katholische Landeskirchen finanziell unterstützt. Tom Sommer ist mit dem Ergebnis rückblickend sehr zufrieden. Die positiven Echos liegen über seinen Erwartungen.

«In einer Zeit, in der die Gesellschaft immer fragmentierter wird und die verschiedenen Pole immer weniger miteinander reden können, ist es wichtig, Orte zu haben, wo man sich bemüht, hinzuhören und die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen. So bin ich dankbar für diese Konferenz», sagt Walter Dürr, Direktor des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Freiburg. Für Tom Sommer steht deshalb ausser Frage, dass diese Konferenz eine Fortsetzung finden muss. Offen ist er auch für regelmässige Workshops im Rahmen seiner Plattform versöhnt.ch. «Von Konflikten und Spannungen erfahren wir täglich in den Medien. Bezüglich versöhntem Miteinander von Menschen sind wir aber irgendwie unterversorgt», sagt Tom Sommer. Deshalb ist es für ihn ganz zentral, die verschiedenen Fachbereiche wie Psychologie, Theologie, Soziologie und Ethnologie zusammenzubringen, um besser zu verstehen, wie Menschen geholfen werden kann, die scheinbare Unversöhnbarkeit aufzulösen. Die Konferenz «versöhnt leben» sieht sich deshalb als Brückenbauerin zwischen Expertenwissen und öffentlichem Interesse, das für die Versöhnung noch stärker gefördert werden müsse. Motto ist dabei die Präambel der UNESCO-Verfassung von 1945: «Da Krieg im Geist der Menschen entsteht, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.» Konferenz-Referentin Christine Schiesser, Privatdozentin am Institut für Sozialethik der Universität Zürich, bringt auf den Punkt, was das für den Menschen bedeutet: «Versöhnung kann einerseits nicht diktiert werden, andererseits ist es eine der am meisten unterschätzten Ressourcen, eine Lebensbefreiung, deren Chancen und Möglichkeiten wieder neu ans Licht gebracht werden sollten.»

Kontakt: www.versoehnt.ch