Die meisten Milchviehbetriebe in der Schweiz lassen ihre Kühe künstlich besamen. Gemäss der Genossenschaft Swissgenetics, grösster Schweizer Produzent von Sperma für künstliche Besamung, wurden im Jahr 2018 etwa 85 Prozent der Kühe künstlich besamt. Einige setzen jedoch auf Natursprung wie die Brüder Brülisauer in Herisau.

von Michael Götz

Josef und Andreas Brülisauer halten einen eigenen Stier. «Der Stier ist jederzeit parat», sagt Josef Brülisauer. Das sei ein wichtiger Grund für die Haltung des Stiers. Wird eine Kuh am Abend noch brünstig, können sie die Kuh noch am selben Tag decken lassen. Der Besamungstechniker käme erst am anderen Tag.

«Wir sind es gewohnt, die Kuh zum Stier zu führen», sagen die zwei Landwirte. Ob die Kühe deswegen besser aufnehmen als bei der künstlichen Besamung lassen sie dahingestellt. Wichtiger als eine hohe Erfolgsrate ist ihnen, dass sie bei der Auswahl ihres Zuchtstieres den Stier vor Augen haben. Sie wollen seinen Gang, sein Gehabe und auch seinen Charakter sehen. «Der Stier muss eine Freude für das Auge sein», erklären die Landwirte.

Zur Auswahl gehen sie zu Züchtern, deren Herde ihnen gefällt, und kaufen den Stier noch als Kalb. Es müssen nicht nur Original Braunvieh- Stiere sein, sondern können auch Brown-Swiss-Stiere sein, wenn diese zum Zuchtziel passen. Die beiden Brüder legen bei der Auswahl grossen Wert darauf, das Stierkalb und dessen Familie vor Augen zu haben und vom Züchter über die Eigenschaften der Mutter und auch der Grossmütter zu erfahren. Beim Kauf beruht vieles auf Vertrauen zwischen den Züchtern.

Der Abstammungsausweis ist den Landwirten eher zweitrangig. Ihre Braunvieh-Herde ist nicht dem Herdebuch angeschlossen. Mit dem Satz «Das Gesamtbild muss stimmen», erklären die Züchter ihre Anschauung über Tierzucht, die sie von ihrem Vater übernommen haben. Diese diente ihnen in den vergangenen 20 Jahren als Leitfaden. Sie sind sich bewusst, dass sie ein relativ grosses Risiko eingehen, indem sie alles auf einen Stier setzen.

Deswegen wählen sie jedes Jahr einen neuen Stier aus. In der Regel halten sie einen ein-, zwei- und dreijährigen Stier. Finanziell gesehen müsse der Natursprung nicht unbedingt günstiger sein als die künstliche Besamung, sagen Brülisauers auf die Frage, ob sich der Natursprung lohne. Schliesslich müssen sie auch die Stallplätze für die Stiere, das Futter und den Mehraufwand an Arbeit rechnen.

Im Sommer ist der Stier mit den Kühen auf der Weide, aber immer nur einer pro Gruppe. Er findet die brünstigen Kühe selbst und stimuliert sie durch sein Verhalten. Ausserdem bringt er Ruhe in die Herde. Er bleibt bei der brünstigen Kuh und hält andere Kühe vom Bespringen ab. Die gemeinsame Weidehaltung verlangt allerdings von den Landwirten ein aufmerksames Auge. «Manchmal kommen dem Stier Flausen in den Kopf. Er will Chef sein», sagt Josef Brülisauer.

Meist passiert es dann, wenn alle Kühe trächtig sind und es dem Stier langweilig wird. Er scheuert mit den Hörnern an den Bäumen, bohrt die Hörner in den Boden oder wirft halb volle Wasserbehälter um. Fängt der Stier dann auch noch an, am Zaun entlangzulaufen, wenn eine fremde Person sich nähert, wird es Zeit, sich vom Stier zu trennen. Zu gross wird die Gefahr für den Menschen.

Im Winter führen die Landwirte den Stier in den Auslauf. «Wir führen den Stier immer zu zweit», sagt Josef Brülisauer. «Damit wollen sie verhindern, dass es zu Unfällen kommt. Man darf keine Angst haben, aber man muss Respekt haben», sagt Andreas Brülisauer. «Stiere spüren, wenn jemand Angst vor ihnen hat», ergänzt er. Er führt den Stier am Strick, der hinter den Hörnern hindurch über die Stirn zum Nasenring verläuft. Dabei sollten immer ein oder zwei Finger durch den Ring gehen, betont der Stierhalter. Der Stier kennt seinen Halter und anerkennt ihn als Meister. Gefährlich kann es werden, wenn eine fremde Person den Stier führt, vor der er keinen Respekt hat.

Den Stier gleich wie die Kühe zu behandeln, lautet ein Grundsatz von Brülisauers. Der Stier soll nicht allein im Stall bleiben, wenn die Kühe in den Auslauf oder auf die Weide dürfen. Er soll denselben Tagesrhythmus haben wie die Kühe, denn er ist Teil der Herde. Der Stier wird zwar mit dem Alter insgesamt ruhiger, aber er wird auch unberechenbarer. «Heute kann er so, morgen ganz anders sein», sagen die beiden Stierhalter. Man dürfe ihn nie für etwas bestrafen, sondern nur zurechtweisen. Der Stier handle schliesslich nur nach seiner Natur.

Er muss allerdings lernen, was erlaubt ist und was nicht. Das ist etwas, das er in der Natur im Umgang mit Artgenossen auch lernen muss. Während Strafen Aggressionen hervorrufen, macht Lob den Stier zugänglich und vertraut. «Mit Lob erreicht man viel», sind die Landwirte überzeugt. Ordnet sich der Stier nicht mehr unter, dann sind seine Tage bei Brülisauers gezählt. Sie wissen um die Gefahr, die von der geballten Kraft ausgeht, und dass sie beim Versuch, den Stier zu bändigen, schnell einmal den Kürzeren ziehen.