Mit viel Anspannung war sie erwartet worden, die Amazonas-Synode, die Sonderversammlung der Bischöfe, die Papst Franziskus vor einem Jahr im Herbst 2019 einberufen hatte. Auch wenn der Fokus auf Amazonien lag, schlugen schon vor Beginn der Synode die Wellen bei den Katholiken des Nordens hoch, erwarteten sie doch eine Änderung mit Blick auf den Pflichtzölibat. «Wir warteten auf eine Entscheidung», so resümierte ein renommierter britischer Journalist, «doch was wir erhielten, war ein Traum, eine Vision.» So möchte ich, nachdem sich der Sturm gelegt hat, dem Traum von Franziskus nachspüren. Papst Franziskus berichtet uns von einer sozialen, einer kulturellen, einer ökologischen und einer kirchlichen Vision für Amazonien.

Ich träume von einem Amazonien, das für die Rechte der Ärmsten kämpft, wo ihre Stimme gehört und ihre Würde gefördert wird, so Franziskus. Auch sie haben ein Recht auf das gute Leben, das «buen vivir». Einige nationale und internationale Unternehmen zerstören die Wälder und verschmutzen die Umwelt. Dies fordert unseren Protest. Nur eine Globalisierung in Solidarität ist akzeptabel. Es braucht eine Rechtsordnung, die den Schwachen schützt und den Gemeinschaftssinn stärkt.

Franziskus Traum gilt einem Amazonien, das seinen charakteristischen kulturellen Reichtum bewahrt. Im Reichtum der Kultur, der Poesie, Mythen und Erzählungen der 110 indigenen Völker erstrahlt die Schönheit des Menschen. Eine gute Bildung eröffnet den Zugang. Franziskus lädt uns ein, uns von ihrer Poesie verzaubern zu lassen: «Die Kolibris schlagen mit ihren Flügeln, lauter als der Wasserfall donnert mein Herz, die Erde werde ich mit deinen Lippen bewässern, ach dass doch der Wind mit uns spiele» (Yana Lucila Lema).

Die überwältigende Schönheit der Natur Amazoniens lässt uns den lebensspendenden Gott erahnen, der sich um uns Menschen und um den Planeten kümmert. Es ist Christus, der uns in dieser Natur begegnet, sagt Franziskus. «Geheimnisvoll umschliesst der Auferstandene die Geschöpfe und richtet sie auf die Bestimmung der Fülle aus. Die gleichen Blumen des Feldes und die Vögel des Himmels, die Jesus mit seinen menschlichen Augen voll Bewunderung betrachtete, sind nun erfüllt von seiner strahlenden Gegenwart. Amazonien ist ein Ort, wo Gott selbst sich zeigt und seine Kinder zusammenruft» (QA 57).

Eine kirchliche Vision. Franziskus träumt von christlichen Gemeinschaften, die in Amazonien wahrhaft Mensch werden können und so der Kirche neue Gesichter mit amazonischen Zügen schenken. Der Reichtum der katholischen Kirche ist der Reichtum der Kulturen, die je auf ihre Weise und doch weltweit verbunden Tod und Auferstehung feiern.

Die Katholiken des Nordens hofften auf eine Entscheidung. Was wir bekommen haben, ist eine Vision für Amazonien, eine Vision auch für die Kirche in unserem Land. Diese Visionen geben Raum für neues Leben in der Kirche, das kirchliche Amt und die Rolle von Mann und Frau inklusive.