Am Anfang der Zeiten hat Gott sich ausruhen müssen, er ist müde gewesen. Unvorstellbar? Sie können es in der Bibel (Genesis 2,3) nachlesen: «Gott ruhte»; genauso steht es dort. Ja, es stimmt schon, eigentlich ist Müdesein keine göttliche, sondern eine menschliche Eigenschaft. Müdigkeit kennen wir alle gut. Das kann ein sehr angenehmes Gefühl sein, wenn man zum Beispiel nach einer langen Wanderung wirklich so durch und durch müde ist. Eine solche Müdigkeit nimmt uns den Willen zum Kontrollieren und Handeln, sie fühlt sich an wie ein heilsamer Raum des Zögerns und der Liebenswürdigkeit. Soll ich jetzt noch die Wäsche waschen? Ach nein, das kann ich doch morgen tun, wenn ich ausgeruht bin, jetzt plaudern wir doch noch etwas! Anders ist da die Erschöpfung, sie macht hart, hektisch und lieblos. Da wird dann nicht nur die Wäsche gemacht, sondern auch gleich noch die ganze Wohnung mit zusammengebissenen Zähnen auf Hochglanz poliert, und Zeit zum Begegnen bleibt keine.

Am vorigen Sonntag hat die Adventszeit begonnen und damit ein neues Kirchenjahr. Das vergangene hat uns müde gemacht, waren wir doch ständig bemüht, etwas zu erreichen oder abzuwehren, zu bekommen oder loszuwerden, aufzubauen oder wegzuschaffen. Wenn wir jetzt rechtzeitig innehalten, dann bleibt es sozusagen bei einer liebevollen Müdigkeit, ansonsten wächst daraus Erschöpfung.

Der Advent will uns vor der Erschöpfung bewahren und uns das Ausruhen schenken. Die Adventszeit ist so eigentlich ein Raum der liebevollen Müdigkeit und kann uns auf wundersame Art eine neue Sichtweise auf die Welt und auf uns selbst eröffnen. Ein altes Märchen aus Afrika zeigt dies eindrücklich:

Vor langer Zeit kämpfte sich ein Missionar mit einer Schar von Trägern durch den afrikanischen Busch. Er hatte es eilig und trieb seine Führer zu immer schnellerem Gehen an, denn in drei Tagen wollte er sein Ziel erreichen. Der dritte Morgen kam herauf. Der Missionar drängte zum Aufbruch, aber die Träger lagerten sich und wollten nicht aufstehen. Kein Zureden half, kein Befehlen, kein Drohen. Endlich fragte er nach dem Grund ihres Zögerns und erhielt zur Antwort: «Wir müssen warten, bis unsere Seele nachgekommen ist.»

Die afrikanischen Träger sind nach zwei Tagen Wanderung müde gewesen. Sie sind müde gewesen, aber nicht erschöpft. Denn in der Erschöpfung kann man die Bedürfnisse der eigenen Seele nicht mehr wahrnehmen. Die Träger aber haben genau dies, das Bedürfnis ihrer Seele nach Stehenbleiben gespürt. Sie waren nicht erschöpft, sondern müde von der körperlichen Arbeit, und sie haben die liebevolle Müdigkeit wahrgenommen, die ihnen die eigene Seele bewahren will.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen Advent, in dem Ihre Seele nachkommen und vielleicht sogar die zärtliche Stimme Gottes vernehmen darf, die unaufhörlich spricht: «Ich liebe dich, du Welt und du Mensch».