Die Schriftstellerein Thea Dorn bekannte kürzlich offenherzig, sie sei kein gläubiger Mensch, sondern gehöre eher zu den strukturell trostlosen Menschen. In einem Fernseh-Gespräch über ihren Roman «Die Unglücksseligen» von 2016 ergänzte die Autorin den ernüchternden Satz: «Wir sind eine vom Glauben abgefallene Gesellschaft, die nicht mehr an ein Paradies oder das ewige Leben glaubt.»

Das liess Thea Dorn im Blick auf die Corona-Situation aber nicht so stehen, sondern erzählte, wie sie auf dem Weg zum Fernsehstudio an einer Kirche vorbeigekommen sei. Draussen habe ein grosses Transparent mit einem Zitat von Paulus gehangen. «Und ich», so die Philosophin, «hätte nicht gedacht, dass ich mal in einem Fernsehstudio sitzen und sagen würde: Der klügste Satz, den ich heute gehört habe, war ein Bibelzitat von Paulus! Da stand drauf: «Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2 Tim 1,7).»

Der Satz habe sie umgehauen, weil sie den Eindruck gehabt habe, die Menschen würden sich in Corona-Zeiten viel eher vom Geist der Furcht leiten lassen als vom Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und sie ergänzte: «Ich glaube, dass es nicht gut ist, wenn wir anfangen, uns vom Geist der Furcht bestimmen zu lassen.»

Das sind Worte nicht etwa eines Bischofs oder Theologieprofessors, sondern einer nicht gläubigen und «strukturell trostlosen» Schriftstellerin. Aber ich meine, dass ihre Worte ein wichtiger Beitrag zur Frage nach der Systemrelevanz der Kirche in Corona-Zeiten sind. Denn diese wird vor allem davon abhängen, inwieweit die Kirchen in Krisenzeiten fähig sind, Hoffnung und Mut zu spenden. Das ist schliesslich seit alters her ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft.

Während konservative Vertreter der Kirchenleitung im Krisenmodus eher defensiv agierten und nicht mehr vermochten, als dem Staat Willkür bei der Wiederzulassung der Gottesdienste vorzuwerfen, gab es auch Bischöfe, die zu christlicher Solidarität mit den Schwachen aufriefen, weil das der Kitt ist, der die Gesellschaft zusammenhält. Die Basis der Pfarreien und Kirchengemeinden organisierte sich derweil selbst und gestaltete per WhatsApp und Facebook ebenso einen Einkaufsservice für ältere Menschen wie eine Sonntagspost, die den Erstkommunionkindern den fehlenden Kindergottesdienst regelmässig per E-Mail nach Hause bringt. Hier passierte viel Neues und Kreatives in unserer Kirche, das auch nach Corona gute Chancen auf Fortsetzung hat.

Thea Dorn hat die Not und die Verheissung der gegenwärtigen Lage mit einem einzigen Satz aus der Bibel in einer Dichtheit auf den Punkt gebracht, die unter den vielen theologischen und kirchlichen Wortmeldungen der letzten Wochen ihresgleichen sucht. Dass der zweite Timotheusbrief, aus dem das Zitat entnommen ist, nicht von Paulus selbst, sondern von einem seiner Schüler stammt, ist geschenkt. Paulinischen Geist atmet das Zitat allemal.

Was eine Gesellschaft zu Zeiten des Paulus wie heute weiterbringt, sind Menschen, die Mut und Hoffnung ausstrahlen. Dabei dürfen sie gerade keine billige Vertröstung auf ein Jenseits verkünden, sondern müssen konkreten Mut und alltägliche Hoffnung im Hier und Jetzt verbreiten. Vielleicht werden in der nächsten Krise neben Medizin, Politik und Lebensmittelsicherheit auch Religion und Glauben als systemrelevant eingestuft. Es wäre einen Versuch wert.