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Gross ist zurzeit das Bedürfnis nach Normalität. Wünsche wie die folgenden drücken dies aus:

«Ich wünsche uns für 2021, … dass Corona wieder ein Bier ist, … dass wir, wenn wir uns wiedersehen, einen Schritt nach vorne und nicht zurück machen müssen, … dass positiv wieder etwas Positives ist, … dass Tests wieder in der Schule stattfinden, … dass Isolieren wieder für Häuser und Kabel gilt, … dass man Masken nur noch an der Fasnacht trägt.»

Nach dem Eindruck und den Erfahrungen monatelanger Einschränkungen, Verunsicherungen, Sorgen und Ängste wird da in humorvoller Art und Weise die Rückkehr zum Gewohnten gewünscht. Daraus spricht die Sehnsucht nach dem Bekannten und Vertrauten. Das Gängige, das man kennt und uns keine Umstellung abverlangt, möge erneut in unserem Alltag vorherrschen. Es soll wieder so sein, wie es gewesen ist.

Dieses Bedürfnis nach Sicherheit ist verständlich und berechtigt. Aber wenn wir uns die Zeit und Ruhe nehmen, in uns hineinzuhorchen, dann können wir auch ein anderes, ebenfalls wichtiges Bedürfnis entdecken. Es ist das Bedürfnis nach Wachsen. So lautet eine Strophe aus Rainer Maria Rilkes Stundenbuch:

«Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.»

Leben will wachsen, sich verändern, sich weiten und entwickeln. Vielleicht hatte Rilke das Bild eines Baumstammes vor sich, als er diese Worte dichtete. Ein Baumstamm wächst in Ringen. Die Mitte bleibt dieselbe und ist der tragende Kern. Darum herum weitet sich Ring für Ring der Stamm. Der Baum wächst. Das Wachsen liegt in der Natur des Baumes.

In uns Menschen ist das Wachsen als ein Bedürfnis hineingelegt, wie ein Same, den es zu hegen und zu pflegen gilt, damit er nicht vom Bedürfnis nach Sicherheit, nach dem Gewohnten und Vertrauten überwuchert wird.

Wachsen heisst, ich muss mich anstrengen und mühen, aufbrechen und mich in Unbekanntes hineinriskieren. Nicht, ob ich dabei ein Ziel erreiche, ist wesentlich, sondern dass ich das Wachsen wage. Und gut wachsen heisst, mich immer wieder der eigenen Mitte zu vergewissern, der bergenden Kraft und der tragenden Fülle; mir bewusst zu sein, dass Gott da ist für mich und mein Wachsen begleitet mit seinem wachstumsfördernden Segen – gerade auch in Zeiten der Pandemie.