Glaubensimpuls von Schwester Anna Mirijam Kaschner

Seit 13 Jahren lebe und arbeite ich in Dänemark, einem Land, in dem die katholische Kirche eine Minderheit darstellt. Nur 0,7 Prozent der Einwohner sind katholisch. Als Ordensschwester falle ich auf, werde angesprochen, angefragt, ausgefragt und hinterfragt. Oft ergeben sich aus diesen ersten Fragen tiefe Glaubensgespräche. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass der Glaube an ein «höheres Wesen» oder eine «positive Energie» für viele Menschen so gut wie kein Problem darstellt. Doch sobald die Sprache auf Gott als einem «persönlichen Gott» kommt, der mit mir, mit jedem Menschen eine Beziehung eingehen will, der selbst Mensch geworden ist in Jesus Christus, beginnen die Schwierigkeiten.
Jesus Christus – ein guter Mensch, ja; ein Rabbi, ein Heiler, ein Revolutionär – ja. Aber der Sohn Gottes?
Und wieder staune ich darüber, wie zeitlos das Wort der Heiligen Schrift ist. Hatten nicht die Zeitgenossen Jesu das gleiche Problem mit ihm, so wie viele Menschen heute?
In den Lesungen dieser Tage in der Fastenzeit taucht diese Frage nach der Person Jesu immer wieder auf – in unterschiedliche Formen. «Von dem hier, wissen wir, woher er stammt» (Joh 7,27) – er kann nicht der Messias sein. Oder die Frage Jesu an seine Jünger: «Für wen halten die Leute den Menschensohn?» Worauf die Jünger lija, für Johannes den Täufer oder sonst einen der Propheten» (Mt 16,13). Und Jesus selbst sagt zu denjenigen, die ihn ablehnen: «Ihr durchforscht die Schriften – und doch wollt ihr nicht zu mir kommen» (Joh 5,39).

Ich kann aus diesen Worten Jesu den ganzen Frust und die Verzweiflung heraushören: «Ich habe es euch doch erklärt, ihr könnt es doch selbst lesen, ihr habt doch gesehen, was ich getan habe – und doch wollt ihr nicht zu mir kommen.» Die Jünger – allen voran Petrus – scheinen etwas verstanden zu haben: «Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes» (Mt 16,16). Andere machen sich lustig: «Er soll doch vom Kreuz herabsteigen, dann wollen wir an ihn glauben … Er hat ja gesagt: Ich bin der Sohn Gottes» (Mt 27,42–43). Wieder andere erkennen erst ganz am Ende, wer Jesus ist. Der Tod Jesus am Kreuz schafft, was seine Worte, Wunder und Zeichen nicht vermochten: «Dieser war in Wahrheit Gottes Sohn!» (Mt 27,54).

Und heute? Ich frage mich, wo ich stehe, zu welcher Gruppe ich gehöre: Gott: ja – Jesus: nein? Ein höheres Wesen: ja – ein persönlicher Gott: nein?

Ich wünsche uns, dass wir am Ende dieser Fastenzeit zu der Erkenntnis kommen können: Wer Gott sucht, kommt an Jesus nicht vorbei!