Wer etwas macht, das sich nicht gehört, wird von ihnen heimgesucht – den Schuldgefühlen. Aber ist es überhaupt notwendig, dass der Mensch sich schuldig fühlt?

von Leonie Pahud

Lohnt es sich überhaupt, Schuldgefühle zu haben? Über die Antwort auf diese Frage herrschte auf unserer Redaktion keine Einigkeit. Die einen fanden, Schuld zu empfinden, lohne sich nicht. Denn das Gefühl habe einen zu destruktiven Charakter und versetze einen bloss in eine wenig nützliche Opferrolle. Man denke zum Beispiel an jene berufstätigen Mütter, die völlig unbegründet ständig ein schlechtes Gewissen haben und glauben, für ihre Kinder nicht genug da zu sein. Die anderen fanden jedoch, dass Schuldgefühle eine wichtige soziale Funktion erfüllen. Denn wer keine Schuld empfindet, nimmt wahrscheinlich wenig Rücksicht auf sein Umfeld. Das schlechte Gewissen lehrt schon ein Kind, dass es nicht gut war, seine Eltern anzulügen oder der Schwester ihren Lieblingshaargummi zu klauen. Schuldgefühle haben also durchaus ihre Berechtigung, selbst wenn sie manchmal hinderlich für das eigene Wohlbefinden sind. Doch was ist das richtige Mass? Wann ist es zu viel und wann zu wenig? In welchen Fällen lohnt es sich tatsächlich, sich schuldig zu fühlen, und wann sollten wir es tunlichst sein lassen? Diese und andere Fragen rund um den Sinn und Zweck von Schuldgefühlen haben wir uns von Experten aus den verschiedensten Bereichen beantworten lassen.

Jürg Knessl – Chirurg und Ethiker
Aus der Sicht der Philosophie: Was genau ist «Schuld»?
Schuld heisst, etwas getan zu haben, was nicht zulässig ist und einem vorgeworfen werden kann. Die Vorwerfbarkeit stützt sich dabei auf unsere Überzeugung, dass wir über einen freien Willen verfügen, der uns befähigt, zwischen moralisch richtig und falsch zu unterscheiden. Das persönliche Gefühl, schuldig geworden zu sein, setzt wiederum voraus, dass wir in der Gesellschaft, in der wir leben, die geltenden Verbote akzeptieren und verinnerlicht haben. Diese waren, wenn wir von archaischen Tabu-Vorschriften absehen, primär grundsätzlich religiöser Natur. Während auf der einen Seite strikte und bei deren Nichtbefolgen stark angstgenerierende göttliche Befehle standen, hatten die alten Griechen beispielsweise kein Wort für die individuelle Schuld. Es gab die Gesetzesübertretung, für die man bestraft wurde. In unserer Gesellschaft hat man in der Regel noch Schuldgefühle.

Wie würde eine Welt aussehen, in der sich niemand schuldig fühlt?
Vielleicht bewegen wir uns genau in diese Richtung. Die persönliche Verantwortung wird zunehmend auf Gruppen übertragen oder anonym. Herbert Grönemeyer sang: «Gebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse.» Heute will man immer weniger Schuld auf sich nehmen. Verantwortung zu übernehmen, heisst aber, fähig zu sein, sich schuldig zu fühlen.

Neben Ihrem Philosophiestudium haben Sie auch Medizin studiert und sind Facharzt für orthopädische Chirurgie: Wie gehen Sie mit den Schuldgefühlen um, wenn eine Operation misslungen ist?
Im eigentlichen Sinne «misslungen» ist ausgesprochen selten. Aber es gibt Fälle, in denen eigentlich alles gut gegangen ist und der Patient oder die Patientin trotzdem über länger dauernde Schmerzen klagt. Man fragt sich dann, was hätte ich anders machen können? Hätte ich die Operation besser nicht vorgenommen? Es ist einem nicht wohl und es ist frustrierend. Da ist man besser dran, wenn man effizient verdrängen kann.

Was passiert im schlimmsten Fall, also wenn der Arzt oder die Ärztin am Tod eines Patienten mitschuldig ist? Dann könnten Schuldgefühle sogar hinderlich für eine weitere Tätigkeit sein. Wie gehen Ärzte mit dieser Schuld um? Bekommen sie zum Beispiel Unterstützung seitens des Spitals, um die Schuldgefühle zu verarbeiten?
Sehr gute Fragen. In der orthopädischen Chirurgie ist der Tod ein seltener Gast. Mir sind bisher mehr Spitäler (drei) unter der Hand gestorben als Patienten (eine Patientin postoperativ). Einen bleibenden Schaden verursacht zu haben, ist eine schwere, oft lebenslange Last. Man ist damit in der Regel allein. Unterstützung kriegt man eigentlich keine. Es gibt eine Stelle beim Berufsverband FMH, die Hilfe anbietet. Nicht alle Chirurgen haben «den Mut eines Löwen, die Ausdauer eines Wolfes und die Hand einer Frau», wie es früher einmal geheissen hat. Die wenigsten sind Löwen. Manche haben die Seelenstärke einer Spitzmaus, wie die meisten Menschen.

Braucht es überhaupt Schuldgefühle oder ist das Empfinden von Schuld nicht eine völlig unnütze Emotion, die uns daran hindert, positiv durch Leben zu gehen?
Eine Welt, bevölkert von Menschen, welche ohne Schuldgefühle positiv durch Leben gehen, entspräche eher einer Zombie-Horrorvorstellung. In einer solchen Welt möchte ich nicht leben. Franz Kafka meinte: «Die Schuld ist immer zweifellos.» So übertreiben muss man aber auch nicht.

Patrick Guidon – Kantonsrichter und Präsident der Schweizerischen Vereinigung der Richterinnen und Richter
Als Richter entscheiden Sie darüber, ob jemand schuldig ist oder nicht: Welche Rolle spielen dabei die Schuldgefühle der oder des Angeklagten?
Schuldgefühle können insofern eine Rolle spielen, als sie den Täter allenfalls zu einem Geständnis in Bezug auf die von ihm begangene Tat veranlassen. Ein solches Geständnis kann bei der Strafzumessung zugunsten des Täters berücksichtigt werden, vor allem dann, wenn es auf Einsicht des Täters in das von ihm begangene Unrecht oder auf Reue schliessen lässt.

Braucht es überhaupt Schuldgefühle oder ist das Empfinden von Schuld nicht eine völlig unnütze Emotion, die uns daran hindert, positiv durchs Leben zu gehen?
Schuldgefühle können wie erwähnt Ausdruck von Einsicht und Reue beim Täter sein. Einsicht und Reue wiederum können den Täter zu einer positiven Verhaltensänderung für die Zukunft bewegen. Ist nicht zu befürchten, dass er erneut straffällig wird, kann das Gericht ihm bei nicht allzu grosser Schuld eine zweite Chance gewähren und auf den Vollzug der Strafe ganz oder teilweise verzichten.

Gibt es das «richtige» Mass an Schuld? In welchen Fällen ist es angebracht, sich schuldig zu fühlen, und wann ist es zu viel oder zu wenig?
Die Frage, ob es ein «richtiges» Mass an Schuld gibt, das ein Täter empfinden sollte, stellt sich für einen Richter in dieser Form nicht. Für einen Richter ist das Mass der Schuld beziehungsweise das Verschulden des Täters aber für die Höhe der Strafe, also für die Strafzumessung, relevant. Diesbezüglich hält das Gesetz im Einzelnen fest, wie das Verschulden des Täters zu bestimmen ist. Massgebend sind die Schwere der Verletzung oder der Gefährdung als Folge der Tat, die Verwerflichkeit des Handelns, die Beweggründe und Ziele des Täters sowie die Frage, wie weit der Täter in der Lage war, die Gefährdung oder Verletzung zu vermeiden. Insofern geht es für einen Richter nicht um das «richtige» Mass an Schuld, sondern darum, für eine bestimmte Schuld das «richtige» Strafmass festzusetzen.

Sandra Beriger – Entwicklungspsychologin
Wann entwickeln Kinder Schuldgefühle?
Mit rund eineinhalb Jahren können Kinder sich im Spiegel selbst erkennen. Damit haben sie einen grossen Entwicklungsschritt hinter sich. Im selben Alter erkennen sie aber nicht nur sich selbst, sondern können sich auch in andere Personen einfühlen und deren Gefühle immer besser interpretieren. So versuchen sie bereits in diesem frühen Alter, andere zu trösten, wenn diese traurig sind. Und indem ihnen von ihrem Umfeld widergespiegelt wird, wenn sie einen Fehler gemacht haben, lernen und übernehmen die Kinder die sozialen Regeln ihrer Umwelt.

In welchen Fällen ist es aus entwicklungspsychologischer Sicht ungünstig, Schuldgefühle zu haben?
Problematisch ist, wenn Kinder zum Beispiel beim Tod eines Familienmitgliedes oder bei der Trennung der Eltern Schuld auf sich nehmen. Hier ist eine professionelle Begleitung der Kinder angesagt.

Was raten Sie berufstätigen Eltern, die sich schuldig fühlen, ihren Kindern nicht genügend Zeit oder Aufmerksamkeit zu widmen?
Eltern haben heute grosse Herausforderungen zu bestehen. Meist sind beide berufstätig und versuchen, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Jeder, der diese Quadratur des Kreises schon selbst vollbringen musste, weiss wie anspruchsvoll dies ist. Oft fehlt die familiäre Unterstützung, da die Ursprungsfamilie nicht mehr in der Nähe wohnt oder die Grosseltern selbst auf Unterstützung angewiesen sind. Da fehlt vor allem eines: Zeit. Um ein Kind ins Erwachsenenleben zu begleiten, ist das Kind aber darauf angewiesen, dass ihm Zeit geschenkt wird. Eine Beziehung entsteht nämlich nur, wenn man gemeinsam Zeit verbringen kann. Entsprechend belastend ist es für Eltern, wenn sie das Gefühl haben, ihren Kindern nicht genügend Zeit zu schenken. Hier ist es in meinen Augen sehr wichtig, dass man nicht in eine Schuldfalle tappt. Als Eltern entscheidet man sich für ein Familiensetting, hinter dem man stehen muss.

Warum tappen Eltern in diese «Schuldfalle» und wie kommen sie dort wieder raus?
Da man nur eine begrenzte Zeit mit dem Kind verbringen kann, möchte man es in dieser Zeit schön haben zusammen. Schnell ertappt man sich, wie man dem Kind jeden Wunsch erfüllt und alles für das Kind optimiert. Immer öfter werden den Kindern Entscheidungen übertragen, die eigentlich den Eltern vorbehalten sind. Dies kann dazu führen, dass Kinder überfordert werden, nie die Erfahrung machen können, etwas nicht zu bekommen, und damit keine Gelegenheit erhalten, eine gewisse Frustrationstoleranz aufzubauen und etwas Durchhaltewillen zu entwickeln. Beides ist aber zentral, um für das Leben gewappnet zu sein. Kinder brauchen Eltern, die sie liebevoll begleiten und unterstützen, aber auch Regeln vorgeben und auf deren Einhaltung bestehen. Deshalb ist für Eltern wichtig, dass sie es aushalten, kurzzeitig nicht von ihren Kindern geliebt zu werden.

Christian Cebulj – Religionspädagoge und Rektor der Theologischen Hochschule Chur
Welche Rolle spielen Schuldgefühle in der christlichen Theologie?
Ich finde es wichtig, zwischen «Schuld» und «Schuldgefühl» zu unterscheiden. Interessanterweise hat sich im Lauf der Jahrhunderte in der Theologie eine Unterscheidung zwischen den lateinischen Begriffen debitum und culpa und dem griechischen Wort hamartia herausgebildet.
Debitum meint die Schuld als existenzielles Phänomen des Menschseins, das es gibt, weil Menschen begrenzt und nicht vollkommen sind. Darin spiegelt sich die Erfahrung, dass wir als Menschen immer wieder hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben und uns auf diese Weise schuldig machen. Diese Erfahrung kann Ohnmacht, Trauer und Wut auslösen. Dagegen bezeichnet culpa eine konkrete Tat als Fehlverhalten, also eine objektiv falsche oder schlechte Handlung beziehungsweise die Unterlassung des Guten. Diese Art von Schuld ist geprägt von den jeweiligen Regeln, Normen und Werten einer Zeit, die sich immer wieder verändern. Das dritte Wort hamartia, das für Sünde steht, meint ursprünglich, das Ziel oder den richtigen Punkt nicht zu treffen, egal ob absichtlich oder unabsichtlich. Hier wird eine religiöse Ebene in den Begriff eingezogen, die ein Verfehlen der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe bezeichnet.

Unter welchem der drei Begriffe sind die Schuldgefühle einzuordnen?
Die Schuldgefühle sind von diesen drei Erfahrungsebenen der Schuld abzugrenzen. Sie entstehen aus der persönlichen Überzeugung, etwas falsch gemacht zu haben, unabhängig davon, ob es auch in den Augen anderer falsch war. Hier geht es um innere Bewertungen des eigenen Handelns, was zur Folge hat, dass jemand auch zu viel Schuld und Skrupel empfinden kann. Die Psychologie nennt solche Menschen deshalb «Skrupulanten», weil sie suchtartig bei jeder Kleinigkeit Schuldgefühle entwickeln.

In welchen Bereichen wünschen Sie sich hingegen mehr Schuldempfinden seitens der Gesellschaft?
Die «Theologie der Befreiung» macht seit Jahrzehnten auf den wichtigen Punkt aufmerksam, dass es Sünde und Schuld nicht nur auf individueller, sondern auch auf gesellschaftlicher und politischer Ebene gibt. Man bezeichnet dies daher als «strukturelle Sünde». Hier wünsche ich mir eine grössere Sensibilität für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft, die oft nicht aus eigenem Versagen ihren Halt verloren haben, sondern zum Beispiel aus ökonomischen Gründen Opfer struktureller Sünde geworden sind.