Eigentlich ging es eher darum, die entlegensten Orte im Süden Chiles miteinander zu verbinden. Doch mit dem Bau der Carretera Austral legte der chilenische Diktator Augusto Pinochet den Grundstein für eine der schönsten Strassen der Welt.

von Florencia Figueroa

Sie ist wild, bezaubernd und herausfordernd. Zum Teil ist sie asphaltiert. Aber häufig besteht sie aus Kies, Erde und Schlamm. Wie eine Schlange windet sie sich über Stock und Stein und gleitet zwischen Fjorden und Gletschern, Gebirgszügen und Vulkanen hindurch. Sie passiert Meeresbuchten und Flüsse, in deren Blautönen man sich geradezu verlieren vermag: Die Carretera Austral (zu Deutsch: südliche Landstrasse), die sogenannte Ruta CH-7, ist eine rund 1350 Kilometer lange Strasse, die den äussersten Süden Chiles erschliesst. Erbaut wurde sie Mitte der 1970er-Jahre von dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet (1915–2006). Sie gilt als eine der schönsten Routen der Welt – gerade weil sie so viele wunderbare Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Lange Zeit blieben diese Naturschätze den meisten Menschen verborgen, denn das Gebiet zu erschliessen war alles andere als einfach. Aber der Reihe nach.

Die Ruta CH-7 liegt in der Region Patagonien. Man könnte sagen, es gibt zwei Patagonien. Ostpatagonien befindet sich in Argentinien. Es handelt sich dabei um ein ausgedehntes Gebiet, das flach, trocken sowie von Graslandschaften, Steppen und Wüsten geprägt ist. Westpatagonien hingegen, das um einiges kleiner ist, besticht durch seine Gletscherfjorde und Regenwälder. Dass die beiden Landschaften so unterschiedlich sind, liegt – mit rund 7500 Kilometern Länge – an der längsten Gebirgskette der Welt: den Anden. Ostpatagonien liegt nämlich im Regenschatten der Anden, während Westpatagonien dem feuchten und kühlen Klima der Anden ausgesetzt ist. So konnten sich Gletscher bilden, aus denen sich Flüsse speisen, die wiederum die Regenwälder mit Wasser versorgen. So schön diese Landschaft auch sein mag, so kompliziert gestalteten sich durch sie die Bauarbeiten. Eigentlich hätte die Strasse von Norden nach Süden verlaufen sollen. Da eine direkte Nord-Süd-Verbindung technisch ein Ding der Unmöglich war, führen heute rund 1150 Kilometer der Wegstrecke von Norden nach Süden und rund 200 Kilometer von Westen nach Osten. Vier Meerengen müssen mittels Fähren gekreuzt werden.

Bauarbeiten bis heute unvollendet

Mehr als 10 000 Soldaten – für den Bau war nämlich das Militär zuständig – mussten seinerzeit ausrücken. Zwar gelang es den Männern mit viel Mühe, der unbändigen Natur eine Strasse abzutrotzen, aber nicht überall war es möglich, sie zu asphaltieren: So wurde etwa nur ein Drittel der Carretera Austral mit Asphalt versehen. Der Rest sind einfache Schotterpisten. Für den Bau wendete der Staat rund 200 Millionen US-Dollar auf. Die Bauarbeiten dauerten bis weit in die 1990er-Jahre an – und sind bis heute noch nicht fertig, schliesslich müssen Teile der Strasse noch ausgebessert werden.

Doch nicht nur die Erstellung war sehr aufwendig, auch die Wartung und Pflege kosten viel Zeit und Geld und sind darüber hinaus auch äusserst arbeitsintensiv. Für all jene, die auf der Strasse fahren, bedeutet das Abenteuer pur. Von überallher kommen Menschen, um die Sehenswürdigkeiten zu sehen. So finden sich im Internet Blogs von Reisenden, die die Tour schon einmal gemacht haben. Was den Berichten gemein ist: Immer wieder findet man den Hinweis darauf, dass die Strecke nicht stark frequentiert wird. Denn obwohl die Ruta CH-7 als eine der schönsten Pisten der Welt gilt, ist sie nach wie vor relativ unbekannt. Das bedeutet Handkehrum aber auch, dass der Tourismus in dieser Gegend nicht so ausgeprägt ist wie in anderen Teilen des Landes. Anders gesagt: Regelmässige Busverbindungen, Unterkünfte und detaillierte Infos sind rar. Demnach wird die Carretera Austral immer noch als Geheimtipp gehandelt – für all jene, die eine abenteuerliche Reise erleben wollen und die Abgeschiedenheit schätzen. Viele wagen es gar, die Strecke per Autostopp zurückzulegen. Übernachtet wird dann draussen irgendwo im Zelt. Offenbar ist es sehr sicher in dieser Gegend. Zumindest berichten das die Blogger. Ihnen zufolge sollte man sich für die Reise auch genügend Zeit nehmen. Die Reise antreten kann man zwischen Dezember und Februar. Das ist im Sommer, im Winter ist die Strasse nämlich unzugänglich. Die Strecke führt von Puerto Montt im Norden nach Villa O’Higgins an der Südgrenze der Región de Aysén.

Ein perfekter Vulkan

Man kann sich darauf einstellen, dass auf dieser Reise viel Abwechslung geboten wird. Denn das Besondere an Westpatagonien ist, dass diese Landschaft so viele verschiedene Naturspektakel in sich vereint. Das fängt schon in Puerto Montt an. Dort befinden sich der angeblich perfekt geformte Vulkan Osorno und die berühmten Petrohue-Wasserfälle. Die meisten Touristen verweilen hier jedoch nicht länger, denn die Wildnis ruft.

Zu den ersten Stationen der Route gehören die Fjordlandschaften Patagoniens und seine Regenwälder im Pumalín-Park. Hier findet man ein Stück unberührte Natur vor, bestehend aus zahlreichen Bergen und Seen sowie verschiedensten Pflanzen. Dass es diesen Park gibt, der zwischen Hornopirén und Chaitén liegt, ist dem US-Amerikaner Douglas Tompkins, Gründer der Marke «The North Face», zu verdanken, der in dieser Region grosse Flächen kaufte, um sie unter Naturschutz zu stellen. Eines dieser Naturschutzprojekte ist der Pumalín-Park. Nach dem Besuch des Parks zieht es viele Touristen nach Chaitén, ein Ort, der als halbe Geisterstadt gilt. Der Grund: Der gleichnamige Vulkan brach vor rund zehn Jahren aus, was dazu führte, dass die meisten Bewohner die Stadt verliessen – bis auf ein paar wenige Personen. Von der Geisterstadt geht es weiter durch den Nationalpark Queulat bis nach Puyuhuapi. Es lohnt sich, im Nationalpark einen Zwischenstopp einzulegen, befindet sich doch in diesem Gebiet einer der spektakulärsten Gletscher der Welt: der gleichnamige Queulat. Aber auch in Puyuhuapi selbst gibt es einiges zu sehen: unter anderem europäische Architektur, denn die meisten Bewohner sollen hier von deutschen Einwanderern abstammen. Von hier aus geht es weiter Richtung Coyhaique, die letzte grössere Stadt an der Strasse. Ab diesem Ort ist es dann auch mit der Bequemlichkeit vorbei, denn hier beginnt die Schotterpiste. Über einen Pass gelangt man zum Cerro Castillo: ein markanter Gipfel, der sich im gleichnamigen Nationalpark – ein Naturschutzgebiet mit einer Fläche von rund 143 000 Hektar – befindet.

Der See mit zwei Namen

Als ein besonderer Höhepunkt der Tour gilt die nächste Station: Von Puerto Río Tranquilo aus gelangt man nämlich direkt an den General Carrera-See, der in Argentinien aber Lago Buenos Aires heisst und mit einer Gesamtfläche von 1850 Quadratkilometern den zweitgrössten See Südamerikas darstellt. Bekannt wurde der Ort Puerto Río Tranquilo aber auch durch die Marmorhöhlen, die sich unterhalb von Marmormonolithen erstrecken. Vor Ort befindet sich übrigens auch der Nationalpark Laguna San Rafael. Ein Abstecher in den Park lohnt sich: Hier gibt es Eis, wohin das Auge reicht. Bekannt ist dieser Park nämlich für seine zahlreichen Gletscher, die man auf einer Tour bewundern kann.

Aber zurück zum General Carrera-See. Von hier aus speist sich der sogenannte Lago Bertrand. Einer seiner Abflüsse ist der türkisfarbene Río Baker, der sich durch das Tal schlängelt. Es ist der Fluss mit den stärksten Stromschnellen im Land und eignet sich deshalb sehr gut zum Rafting. Von diesen Abenteuern erholen kann man sich dann in Caleta Tortel, die Stadt der Laufstege. Denn dieser Ort wurde auf Holzpfählen errichtet. Nach dem Besuch dieser Stadt neigt sich die Reise auch schon dem Ende zu. Die letzte Station der Ruta CH-7 steht nämlich an: Villa O’Higgins, eine kleine Ortschaft, die aber viel zu bieten hat. Unter anderem befindet sich hier der Nationalpark Bernardo O’Higgins, der grösste Nationalpark Chiles. Hier gibt es die einzigartige Fjordregion der Küstenkordillere zu bewundern genauso wie die grösste vergletscherte Eisfläche ausserhalb der Pole und Grönlands. Auch der türkisfarbenen Lago O’Higgins wird von den Touristen gerne aufgesucht. Von Villa O’Higgins aus gelangen viele Reisende nach Argentinien. Was man aber sehen will, in welcher Abfolge und ob man die Carretera Austral von Norden nach Süden oder umgekehrt abfahren möchte, ist jedem selbst überlassen. Bei den genannten Sehenswürdigkeiten handelt es sich auch nur um eine Auswahl. In diesem Gebiet gibt es nämlich noch viel mehr zu sehen. Aber das gilt es vor Ort auf eigene Faust zu entdecken.