Ein Glaubensimpulse von Schwester Simone

Gleich an zwei Stellen hatten wir im Kloster neulich Probleme mit der Kanalisation, deren Rohre weitverzweigt durch unseren Garten führen. Diese waren nämlich verstopft. Nicht Gegenstände, die sich darin verfangen hatten, waren jedoch die Ursache. Vielmehr hatten sich Wurzeln durch die bereits in die Jahre gekommenen Zementrohre ins Innere gearbeitet. Dort breiteten sich die Wurzeln aus und haben nach und nach dem Abwasser den Weg verschlossen. Das ist eine ziemlich ärgerliche Geschichte, denn nur mit einem immensen Aufwand lassen sich die Kanalisationsrohre von diesem zähen Wurzelwerk reinigen. Vor allem ist es auch ganz gewiss, dass in absehbarer Zeit wieder derselbe Zustand eintreten wird.

Abgesehen von der ärgerlichen Seite hat es mich aber tief beeindruckt, wie diese Wurzeln im Untergrund wachsen und mit welcher Energie sie sich ihren Weg bahnen. Man stelle sich vor, feinste Würzelchen haben die Kraft, durch zentimeterdicken Zement zu wachsen! Beim Nachsinnen darüber kam mir ein Gedicht in den Sinn, das ich vor Jahren geschenkt erhielt. Es stammt von der lettischen Dichterin Vizma Belševica und trägt den Titel «Wurzeln sein». Hier ein Auszug daraus:

Wurzeln sein.
Im Unterirdischen, wohin kein Strahl hinabsteigt.
Wo das Licht nicht hineinschaut.
Sammeln. Nähren. Trinken.
Der weissen Blume
durch ein unsichtbares Dasein
der Sonne Jubel schenken
und die Kraft der Schönheit offenbaren.
Wurzeln sein.

Im Nachsinnen über diese Gedichtzeilen trat mir die derzeitige Situation unserer Kirche vor Augen. Heute von einem kirchlichen Blühen zu reden, das geht, auch jetzt im Frühling, nicht. Zu ungeheuerlich ist, was da an Missbrauch und an unheilvollen Machtstrukturen ans Licht gekommen ist. Und doch ist und bleibt die Kirche der Weinberg Gottes, dazu bestimmt, zu wachsen und Frucht zu bringen. Zu wachsen aber durch die Kraft aus guter Nahrung und Frucht zu bringen durch das Getränktwerden aus heilen Quellen. Diese Kraft und diese Quellen liegen wie die Wurzeln einer Pflanze in den Tiefen verborgen; sie sind es jedoch, die das Wachstum ermöglichen.

So entstand im weiteren Nachsinnen vor meinem inneren Auge das Bild der Kirche, nicht genährt und aufgebaut durch das Sichtbare, sondern durch das Glauben, Lieben und Hoffen ihrer Glieder. Dieses Glauben, Lieben und Hoffen in unserer Kirche stelle ich mir vor wie ein dichtes Wurzelwerk, das sogar durch zentimeterdicken Zement hindurch seinen Weg findet und auch durch Widerstände hindurch unverdrossen weiterwächst.

Ein tröstliches, bestärkendes und ermutigendes Bild.