In der Schweiz fallen pro Jahr eine Million Tonnen Plastik-Abfall an. 5000 Tonnen gelangen dabei in die Natur in Form von Makro- und Mikroplastik, wie eine soeben veröffentlichte Studie aufzeigt. Als Massnahme dagegen werden Sammeltage vorgeschlagen, um Plastikflaschen und Plastiktüten aus der Natur zu entfernen. Eine Tauchlehrerin an der Costa Blanca hat sich dieses Einsammeln zu ihrer grossen Aufgabe gemacht. Ihre Argumente motivieren, gegen Plastik in der Natur anzugehen.

von Florencia Figueroa

Blau, so weit man sieht. Die Wellen rollen sanft ans Ufer. Das Klima ist mild. Das ist die Costa Blanca, der weisse Küstenabschnitt der spanischen Provinz Alicante. Von überall reisen die Urlauber an, um ihren Badeurlaub an diesen Stränden zu verbringen. Die Provinz lebt davon – doch so positiv sich der Tourismus auf die Wirtschaft auch auswirkt, so negativ sind die Folgen für die Umwelt. Denn mit den Menschen kommt auch der Müll. «Vor allem im Meer sammelt er sich an», sagt Alaá Alhallaq Saoudí. Die Tauchlehrerin ist in der Provinz Alicante aufgewachsen. «Früher tummelten sich nahe der Küste überall Fische. Heute muss man weiter hinausschwimmen, wenn man etwas sehen will.» Zu Gesicht bekommt man dafür all den Müll: Von Damenbinden über PET-Flaschen bis hin zu Zigarettenstummeln findet man alles im Mittelmeer.

Das ärgert Alaá Alhallaq Saoudí: «Wie kann man nur so achtlos mit der Natur umgehen? Wir sind doch alle froh, wenn wir sie unberührt vorfinden. Warum also kann man nicht Sorge für sie tragen, damit sie uns möglichst lange erhalten bleibt?» Fragen, die sie auch den Badegästen ohne Zögern stellt, wenn sie sie wieder einmal dabei ertappt, wie sie ihren Müll liegen lassen. Doch deren Antworten frustrieren sie nur: «Viele Personen sagen, dass die Müllabfuhr dafür zuständig sei. Sie fühlen sich gar nicht verantwortlich. Im Gegenteil, sie denken, dass ihre Schuldigkeit mit den Steuern getan ist. Somit schieben sie alle Verantwortung auf den Staat ab.» Dass die Behörden etwas tun müssen, streitet Alaá Alhallaq Saoudí auch gar nicht ab. Sie sieht jedoch auch die Menschen, die den Strand besuchen, in der Pflicht. Auch sich selbst, wie sie erklärt.

 

Mittelmeer verkommt zur Müllhalde

Ja, Alaá Alhallaq Saoudí hat es sich nämlich seit geraumer Zeit zur Aufgabe gemacht, all den Abfall, den sie zu fassen bekommt, wegzuräumen. Gerne opfert sie dafür fast ihre ganze Freizeit. Stundenlang schwimmt sie im Meer und birgt jegliche Art von Müll, meistens Plastik. Und selbstverständlich: Es ist eine Sisyphusarbeit, dessen ist sie sich bewusst. Doch sie könne nicht anders. «Denn zu sehen, wie das Mittelmeer zur Müllhalde verkommt, tut mir im Herzen weh.»

Tatsächlich täuscht dieser Eindruck nicht. So veröffentlichte die Umweltorganisation WWF vor knapp einem Jahr eine Studie, die Erschreckendes zutage förderte. So befänden sich im Mittelmeer, das aber nur rund ein Prozent des Wassers auf der Erde führt, hochgerechnet rund sieben Prozent des Mikroplastiks. Der Abfall stamme vor allem aus der Türkei und Spanien. Aber auch die Länder Italien, Ägypten und Frankreich zählen zu den grössten Verursachern. Der Grund, warum der Müll einfach im Meer landet, hänge auch mit dem mangelhaften Abfallmanagement der jeweiligen Länder zusammen. Verstärkt werde das Problem jedoch durch den Tourismus. So erhöhten die Touristen die Müllmenge um 40 Prozent, was die kommunalen Abfallentsorger regelmässig überfordere. Auch in Spanien ist das der Fall. Alaá Alhallaq Saoudí kann das bestätigen. Deshalb nimmt sie den Müll, den sie einsammelt, grösstenteils mit nach Hause, weil die Mülltonnen am Strand oft überfüllt sind. Sie werden nicht häufig genug geleert. «Es stimmt zwar, dass viele Menschen ihren Müll liegen lassen. Aber wenn man den Müll wegwerfen möchte, kann man das nicht, weil die Mülltonne schon voll ist», sagt sie. «Also wird der Müll neben die Tonne gelegt, von wo aus ihn der Wind ins Meer bläst.»

 

EU verbietet Einwegplastik

Ob die Menschen den Abfall nun direkt am Strand oder neben der Mülltonne liegen lassen, macht demnach keinen grossen Unterschied – er landet nämlich ohnehin im Meer. Deshalb meint Alaá Alhallaq Saoudí, dass die beste Lösung wohl die wäre, gar kein Plastik mehr zu produzieren. Und in diesem Jahr hat die EU offenbar eine ähnliche Idee gehabt: So werden ab 2021 Produkte aus Einwegplastik wie beispielsweise Strohhalme, Trinkbecher und Besteck vom europäischen Markt verschwinden. Darüber hinaus sollen sich Hersteller derartiger Produkte künftig an den Kosten, die durch solche Produkte ausgelöst werden, beteiligen – zum Beispiel in Form einer Strandreinigung. Das hat das EU-Parlament im März beschlossen. WWF lobt diese Entscheidung als einen wichtigen Schritt, weist allerdings auch daraufhin, dass zudem mehr recycelt werden soll – vor allem in den Ländern, in denen sich der ganze Müll ansammelt, zum Beispiel in Spanien.

Dort ist man sich der Problematik durchaus bewusst. Und einige Regionen überlegen sich schon, wie sie damit umgehen sollen. Auf den Balearen hingegen ist man schon tätig geworden und damit gar der EU zuvorgekommen – denn die Inselgruppe hat schon im Januar 2019 ein neues Abfall- und Recyclinggesetz verabschiedet, das unter anderem Einwegplastik verbietet. Es besagt auch, dass auf den Inseln verstärkt recycelt werden soll. In Kraft tritt die neue Regelung genauso wie jene der EU am 1. Januar 2021. Für Alaá Alhallaq Saoudí sind das natürlich wundervolle Neuigkeiten. Doch noch ist alles beim Alten. Und solange die neuen Gesetze ihre Wirkung nicht entfaltet haben, wird man sie wohl auch weiterhin an den Stränden der Costa Blanca Müll aufsammeln sehen.

 

Die zweitdreckigste Stadt Spaniens

Die Nachricht war nur am Rande zu vernehmen. Sie kam auch nicht wirklich überraschend. Schliesslich schnitt die Stadt schon vor vier Jahren schlecht ab. Doch dieses Jahr rutschte sie um weitere Punkte ab, wodurch Alicante, so die Nachricht, nun ganz offiziell als die zweitdreckigste Stadt Spaniens gilt – und das, obwohl die Regierung jährlich rund 35 Millionen Euro für die Reinigung ausgibt – also mehr als andere Städte, die aber weit sauberer sind als Alicante. Über die Gründe, warum Alicante trotz dieser Investitionen schmutzig bleibt, schweigt sich die Studie dagegen aus. Durchgeführt wird sie alle vier Jahre von der Verbraucherorganisation Consumidores y Usuarios (OCU) – auf Deutsch: Verbraucher und Nutzer. Ziel der Studie ist es, den Verschmutzungsgrad der einzelnen Städte zu evaluieren – was die Politiker bisweilen in Erklärungsnot bringt. Auch in Alicante. Dort zeigen sich die Verantworlichen beschämt. Allen voran der Stadtrat Israel Cortés, der für die Müllentsorgung zuständig ist. Allerdings weist er die Schuld von sich.

Seiner Meinung nach konnte sein Müllkonzept, das er erst vor acht Monaten lanciert habe, nämlich noch nicht greifen. Wenn Alicante also dreckig sei, sei das nicht auf ihn zurückzuführen, sondern auf seinen Vorgänger. Er ist auch davon überzeugt, dass die Studie nicht den gegenwärtigen Sauberkeitszustand widerspiegelt, sondern jenen aus der Zeit, als noch der Vorgänger verantwortlich war. Israel Cortés ist somit sehr zuversichtlich, dass das Ergebnis beim nächsten Mal weit positiver ausfallen wird. Er jedenfalls versprach, alles daranzusetzen, um die Sauberkeit in Alicante weiter zu verbessern.

 

Bevölkerung muss ihren Teil beitragen

Die Frage ist nur, wie Alicante sauberer werden will. Denn gemäss der Studie hat Alicante den zweitletzten Platz unter anderem auch deshalb erhalten, weil die Stadt sich nur ungenügend um die Müllentsorgung kümmert. Doch damit steht Alicante eigentlich nicht allein da. Denn was die Entsorgung von Abfall betrifft, schneidet ganz Spanien schlecht ab im Vergleich zu den anderen EU-Ländern. Somit bildet Alicante zwar das Schlusslicht von Spanien – Spanien jedoch ist eines der Schlusslichter innerhalb der EU. Denn während in der EU im Durchschnitt 45 Prozent des recycelbaren Abfalles wiederverwertet werden, beträgt die Quote in Spanien nur 29 Prozent. Dafür produziert Spanien aber weniger Müll als andere Länder. Doch leider landet der grösste Teil des Mülls auf der Müllhalde, ohne zuvor in einer Sortieranlage getrennt worden zu sein, was allen Regelungen widerspricht und nicht mit den EU-Richtlinien vereinbar ist. Denn die EU hat sich – was die Entsorgung von Abfall betrifft – hohe Ziele gesetzt. So sollen bis im Jahr 2025 alle EU-Länder mindestens 55 Prozent des Mülls recyceln, bis im Jahr 2035 sollen es gar 65 Prozent sein. Für Spanien wird es schwer werden, diese Vorgaben zu erfüllen.

Aber das liegt nicht nur an der Politik. So weist gerade der Bürgermeister von Alicante, Luis José Barcala Sierra, darauf hin, dass auch die Bevölkerung ihren Teil dazu beitragen muss, dass die Stadt sauberer wird. Die meisten Menschen in Alicante würden nämlich überhaupt nicht auf ihre Umgebung achten. Aus diesem Grund hat sich die Stadtregierung nun vorgenommen, zum einen ihr Müllkonzept zu verbessern, zum anderen die Bevölkerung zu sensibilisieren.