Es gehört wohl zum Menschsein, für persönliche und andere Widerfahrnisse im Leben nach einer Deutung zu suchen. Das wurde mir erneut bewusst durch Briefe, die uns nahezu zeitgleich in der Missionsprokur unseres Klosters erreichten. Briefe von Frauen, die sich mitten in der Corona-Pandemie um bedrängte Menschen sorgen: auf den Philippinen, in Brasilien und im Irak.

Wozu diese Pandemie, fragt sich die philippinische Dominikanerin Sr. Rosita. «Wir haben gebetet, denn Gott ist die einzige Instanz, die den Durchblick behält; aber wir haben auch gehandelt, sind den Armen beigestanden.»

Sueli, eine Mitarbeitende unserer Schwestern in Brasilien, weiss nicht mehr, wem man im politischen Chaos − ohne einen amtierenden Gesundheitsminister – vertrauen darf. «Jedoch inmitten von Desinformationen wurden Menschen tätig; sehr schöne Dinge sind geschehen; und uns selbst haben wir als Team neu entdeckt.»

Maria, Präsidentin der Stiftung Hüttensanierung − ein Projekt, das von unserer Missionsprokur unterstützt wird −, vergleicht sich und ihre Mitarbeitenden mit den drei Jünglingen im Feuerofen (Buch Daniel 3,51-90). Während sie im Ofen singend auf Gott vertrauten, konnten die Flammen sie nicht verzehren. «Schlimmer als jedes Virus ist das, was unser wahres Selbst tötet: Egoismus, Stolz, Gleichgültigkeit.»

Sr. Luma und Sr. Nazik, Dominikanerinnen im Irak, erfahren neu: «Das Leben ist ein Geschenk, und die Menschheit dürstet nach der wahren Quelle des Lebens.» Menschen, die vor den Gewalttaten des IS geflüchtet waren, kehren zurück. Die Schwestern befinden sich mit ihnen mitten im Prozess eines Wiederaufbaus von Wohnungen, Infrastruktur und Existenz. «COVID 19 kam mit der Botschaft, der Menschheit ihre eigene Verletzlichkeit aufzuzeigen. Nicht Waffen und Öl sind es, welche die Welt zu einem besseren Ort machen, sondern die Menschen selbst sind dazu in der Lage.»

Wie sehr sich doch die Deutungsversuche einer weltweiten Krise über die Kontinente hinweg einander annähern. Beim Propheten Ezechiel (12,2) lese ich die Worte vom widerspenstigen Volk, das Augen und Ohren hat und doch nicht sehen und nicht hören will. Heute geht es nicht mehr um ein Volk, sondern um die Menschheit.

Ich selbst deute die durch ein winziges Virus ausgelöste Krise als eine Herausforderung an uns Menschen, die Schöpfung neu wahrzunehmen. Wir haben sie vorgefunden als Geschenk, das – wie wir selbst – aus der wahren Quelle des Lebens hervorgegangen ist. Und tief in uns schlummert die Fähigkeit, in Verbindung zu dieser Quelle die Welt zu deuten und zu gestalten als Wohn- und Lebensraum für alle.