Flachs oder Leinen hat in der Schweiz als Kulturpflanze eine sehr lange Geschichte. Ganz verschwunden ist die vielseitige Pflanze hierzulande nie und heute erlebt sie als ökologische Alternative zu Baumwolle eine schüchterne Renaissance.

von Christine Schnapp

 

Der Alleskönner

Flachs gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Welt. Kein Wunder, er ist aus Sicht der Menschen ja auch eine äusserst vielseitige Pflanze. Seine Samen sind essbar und liefern belassen oder zu Öl verarbeitet wertvolle ungesättigte Fettsäuren und werden als Arzneimittel eingesetzt. Das Öl wurde überdies auch als Lichtspender in Öllampen verwendet und kommt im Linoleum zum Einsatz. Aus seinen Fasern lassen sich Stoffe für Kleider, Haushaltstextilien, Vorhänge, Leinwände und vieles mehr weben. Auch auf Baustellen kommt Flachs zum Einsatz, vornehmlich als Dämmmaterial bei Gebäudehüllen. Die Reste der Kapseln, in denen die Samen wachsen, können eingekocht den Kühen verfüttert werden und der Holzanteil der Stängel lässt sich zu Papier verarbeiten, führt Biologe Peer Schilperoord in seiner Publikationsreihe «Kulturpflanzen in der Schweiz» zum Flachs (2018) aus, die der Verein für alpine Kulturpflanzen herausgibt.

 

Gestalt

Gemeiner Lein oder Flachs (Linum usitatissimum) ist eine einjährige Pflanze, die in der Regel im Frühling ausgesät wird. Sie wächst in schlanken, kräftigen Stängeln, an denen lanzettähnliche Blätter wechselseitig angeordnet sind. Im oberen Bereich verzweigt sich der Halm und schliesst mit grossen, zarten, blauen, weissen oder rosa Blüten ab. Die runden Fruchtkapseln, die sich nach der Blüte bilden, enthalten maximal zehn Samen, deren Farbe zwischen Gelb und Braun variiert. Der Gemeine Lein ist nur aus Kultur bekannt. Nur selten tritt er verwildert auf. Er stammt vom Zweijährigen Lein (Linum bienne) ab, der im Mittelmeergebiet heimisch ist.

 

Geschichte

Die ältesten Spuren von Leinsamen weltweit stammen aus der Zeit von 9800 bis 9300 vor Christus und wurden im Gebiet des Nahen Ostens gefunden. Es gibt jedoch Hinweise, dass Flachs bereits vor 30 000 Jahren in Georgien verarbeitet wurde. In Europa spielt der Flachs seit dem frühen Neolithikum eine Rolle in der Landwirtschaft des voralpinen Raumes. Er erreichte Mitteleuropa im Laufe des 6. Jahrhunderts vor Christus; die ältesten Fundstellen von Samen in der Schweiz liegen in Sevelen-Pfäfersbüel und stammen aus der Zeit zwischen 4450 und 4040 vor Christus. Ausgrabungen in Pfahlbausiedlungen belegen die wirtschaftliche Bedeutung des Flachsanbaus. Gut erhalten haben sich Samen, Kapselreste, Strohreste und Gewobenes – es gab entsprechend schon einfache Werkzeuge zum Spinnen.

In der Zeit des 15. bis 17. Jahrhunderts erfuhr der Anbau von Flachs einen Aufschwung. Er diente nicht nur der Selbstversorgung mit Garn und Stoff, sondern wurde überdies zu einem Produkt, mit dem man gutes Geld verdienen konnte. Ab dem 16. Jahrhundert führte im Appenzell die Spezialisierung auf die Verarbeitung von Leinen zu einer frühen Protoindustrialisierung, eine verdichtete gewerbliche Produktion auf dem Land.

Im 18. Jahrhundert wurde Schweizer Leinen zu einem Exportschlager und konnte qualitativ mit den bedeutenden Anbaugebieten Irland, Baltikum, Niederlande und Belgien mithalten. Produziert wurde neben dem Appenzell im oberen Thurgau, im Toggenburg, im Rheintal, im Kanton St. Gallen und im Berner Seeland. Nachgewiesen ist der Flachsanbau aber auch im Schweizer Alpenraum bis in eine Höhe von 1700 M. ü. M. Ab dem 19. Jahrhundert wurde Flachs zunehmend von Baumwolle verdrängt. Die Verarbeitung von Flachs ist im Vergleich zu synthetischen Fasern und Baumwolle sehr aufwendig. Bei der Baumwolle hat man mit der Ernte bereits die Fasern.

 

Entweder de Foifer oder sWeggli

Bei der Kultivierung von Flachs kann man entweder auf grosse Samen oder auf lange Fasern setzen, beides zusammen geht nicht. Pflanzen, die grosse Samen hervorbringen (Ölleinsorten), haben kurze Fasern, die nicht zu hochwertigen Stoffen verarbeitet werden können. Faserlein hingegen verfügt über lange Fasern, aus denen wertvolle Stoffe gewoben werden, seine Samen sind allerdings klein. Ebenso verhält es sich mit der Standfestigkeit der Pflanzen. Je dicker der Stängel, desto höher die Standfestigkeit, desto geringer jedoch auch die Faserqualität.

 

Verarbeitung

Flachs hat eine relativ kurze Vegetationszeit und kann deshalb als Zweitfrucht beispielsweise nach Winterweizen, Winterzwiebeln oder Erbsen gesät werden. Erntereif ist der Flachs, wenn die Halme gelblich werden, die Kapseln zur Hälfte braun und die Blätter zur Hälfte abgefallen sind. Die Flachsernte wird auch Raufen genannt. Nach der Ernte lässt man den Flachs noch einige Wochen nachreifen, bis alle Samenkapseln braun sind. Danach wird er geriffelt. Dabei zieht man die Flachsbüschel durch den Riffelkamm. Bei diesem Vorgang werden die Samenkapseln abgerissen und zum Nachtrocknen aufbewahrt. Anschliessend folgt das Rotten oder Rösten. Die Flachsbüschel werden ins Wasser gelegt, damit der Klebstoff abgebaut wird, der die Fasern verklebt. Beim Trocknen, das nun folgt, werden die Gewebereste, die entfernt werden sollen, brüchig. Nun werden die Büschel weichgeklopft. Man nennt das Hämmern, Bleuen oder Pochen. Darauf folgt das Brechen der Büschel auf dem Brechstock, bei dem die Holzteile von der Faser geschlagen werden. Beim anschliessenden Schwingen legt man die bereits geschmeidigen Büschel über eine Holzkante, schabt verbliebene Reste mit einem hölzernen Schwingmesser ab und streicht die wirren Fasern glatt. Vor dem Spinnen folgt als zweitletzter Schritt das Hecheln. Dabei werden die teilweise noch zähen verbundenen Fasern der Länge nach gespalten und alles wird ausgekämmt, was nicht zum Langfaserflachs taugt. Aus dem Kurzfaserflachs webt man die strapazierfähigen Stoffe, aus dem Langfaserflachs die feineren. Der Werg oder Chuder, wie die Kurzfasern auch genannt werden, kann ebenfalls zu Papier verarbeitet werden und findet in Polstermöbelfüllungen, Verbundwerkstoffen und Dämmstoffen Verwendung.

 

Ruth Läng

Die Bäuerin aus dem Emmental, die Region, die zusammen mit dem Bündner Oberland im 20. Jahrhundert am längsten am Flachsanbau festhielt, hat für die Schweiz alles Wissenswerte um den Flachsanbau und die Verarbeitung schriftlich festgehalten. Läng kennt den Flachsanbau seit ihrer Kindheit, kultiviert ihn heute im Freilichtmuseum Ballenberg und gibt dort Kurse und hält Vorträge zu Flachsanbau und -spinnen. In ihrem Buch «Anleitung zum Flachsanbau – vom Leinsamen zum Leinenfaden» von 2001 steht alles, was man von der Saat bis zur Ernte und den Verarbeitungsschritten von Flachs wissen muss, und man erfährt darüber hinaus einiges über die bäuerliche Kultur der Flachbäuerinnen und -bauern.

 

Heutige Anbaugebiete

In Nordfrankreich, Belgien und in den Niederlanden hat sich der Flachsanbau bis heute im grossen Stil erhalten können. Weitere bedeutende Anbaugebiete für Flachs liegen in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in China und in Ägypten. Das grösste Anbaugebiet von Öllein für die Gewinnung von Leinsamen ist Nordamerika.

Eine Rückbesinnung auf den Anbau und die Verarbeitung von Flachs als europäische Kulturpflanze aus Nachhaltigkeitsüberlegungen findet neben der Schweiz auch in Deutschland, Österreich und weiteren Ländern statt. Diese Produktion spielt sich gegenwärtig jedoch noch in einem kleinen Rahmen ab.

 

Verwendung heute

Leinenfasern haben heute bei den Textilien weltweit einen Marktanteil von unter einem Prozent. 40 Prozent werden zu Bekleidung verarbeitet, 25 Prozent zu Haushaltswäsche, 20 Prozent zu Heimtextilien und 15 Prozent für technische Zwecke verwendet. Hauptmärkte für die Bekleidung sind Europa und die USA. Aktuell scheint der Marktanteil etwas im Steigen begriffen, weil die Mittelklasse der indischen Bevölkerung edel knitterndes Leinen als Bekleidungsstoff entdeckt hat. Hierzulande wird Leinen vornehmlich im Sommer getragen, weil der Stoff auf der Haut als kühlend empfunden wird.

 

Entwicklung in der Schweiz

2010 haben fünf Landwirte in der Schweiz wieder damit begonnen, Flachs anzubauen. Sie erkannten das Potenzial der ökologischen Naturfaser und sind überzeugt, dass der Bedarf noch stark steigen werde. Seit 2014 produziert nun das Unternehmen SwissFlax GmbH im Emmental zusammen mit den Schweizer Flachsbauern wieder Leinen. Es hat sich zum Ziel gesetzt, die Wertschöpfungskette für Schweizer Flachs wieder aufzubauen und industriell zu betreiben. Im Moment erfolgt die Weiterverarbeitung des Flachses zu Garn noch im europäischen Ausland, weil in der Schweiz die entsprechenden Anlagen fehlen. Mittelfristig sollen jedoch eigene Verarbeitungskapazitäten aufgebaut werden, damit ein möglichst hoher Anteil der Wertschöpfung in der Region realisiert werden kann. Bei der SwissFlax können verschiedene Garne gekauft werden sowie Textilprodukte wie Küchenwäsche, Schwingerhosen, Kleider, Vorhänge, Taschen und mehr, die zusammen mit Partnern produziert werden. Für seine Produkte hat das Unternehmen den Swiss Textiles Prize for Fashion and Textile Start-ups 2019/2020 gewonnen.

Auch Leinsamen werden zunehmend wieder in der Schweiz von verschiedenen Landwirtinnen und Landwirten angebaut und können ganz, geschrotet oder als Öl über diverse Kanäle bezogen werden.