In der Urgeschichte der Bibel vom Jakobskampf spiegelt sich unser eigenes Leben wider: die Nacht des Alleinseins, der inneren Finsternis, die Nacht des ‹Warum?› und des ‹Wie-lange-noch?›. Wer aufmerksam lebt, erfährt auch die Grenzen des eigenen Daseins. Gerade in einer Welt, in der ständig Grenzen herausgeschoben werden – positiv wie negativ, man denke nur an die jüngsten Genmanipulationen am Menschen –, ist es notwendig, Grenzen zu akzeptieren, sich ihnen zu stellen, weil eben nicht alles machbar, handhabbar, kaufbar und herstellbar ist und manches es auch nicht sein darf. (…)

2018 hat uns gezeigt, welche Grenzen, Verfehlungen, ja Verbrechen es in der Kirche gibt. In einer Kirche, die doch erklärtermassen Jesus nachfolgen will und die so hohe moralische Ansprüche an sich und die Menschen hat. Beschämt und erschüttert stehen wir vor den Fakten. Wut und Frustration haben selbst den innersten Kern der Gemeinden und die engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergriffen. Diese Konfrontation mit einer so dunklen Realität von Kirche und der damit verbundene Vertrauensverlust führt alle, die in dieser Kirche Verantwortung tragen und sich engagieren, an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Auch mich und meine Begleiterinnen und Begleiter. (…)

Menschliche Grenzüberschreitungen haben unsere Kirche mitgeprägt, auch dort, wo Kirche immer schon wusste, was für alle gut und richtig ist. Denken wir nur an eine Sexualmoral, die sich in der Verkündigung schuldig gemacht hat, die Menschen krank gemacht hat und die sich auch heute noch so schwertut mit den Zeichen und den Erkenntnissen der Zeit. (…)

Das, was wir heute erleben – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit –, ist keine, kurze Episode in der Geschichte der Kirche. Es wird uns noch lange begleiten und es muss uns antreiben zu neuen Überzeugungen und Haltungen. (…)

Ja, angesichts der Entsolidarisierung der Weltgemeinschaft und der politischen Gräben in Europa wird uns klar, dass wir an die Grenzen im Umgang mit den Grenzen kommen. Das gilt auch für die «Grenzen des Wachstums», wie sie uns der Club of Rome in den 1970er-Jahren prophezeite. Wir haben sie längst erreicht. Der Klimawandel und seine Katastrophen belegen das mehr als deutlich. Da ist es nicht von der Hand zu weisen, an wie vielen Stellen unseres Alltags wir uns Selbstbegrenzungen auferlegen müssten, wenn die ganze Menschheitsfamilie im Haus der Schöpfung überleben soll. (…)

Das Ringen Jakobs ist nicht zu Ende. Auch wir kommen um das Ringen mit der Wirklichkeit des Lebens und der Welt, aber auch um das Ringen mit den eigenen Schatten nicht herum. (…)

Auch wir werden aus der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, die Gott uns zumutet, nicht als strahlende Sieger hervorgehen, sondern als Menschen, die verletzt und verwundet sind, berührt und nachdenklich, aber auch lernbereiter, barmherziger und demütiger als vorher.