Das Gebot der Feindesliebe berührt ein Herzstück des christlichen Glaubens. Vielleicht hat deswegen Jesus dem Gebot der Feindesliebe eine so hohe Bedeutung beigemessen. Gewaltlosigkeit ist ein Markenzeichen der christlichen Botschaft, ob es auch unsere Kernkompetenz ist, da bin ich mir nicht so sicher.

Das Gebot der Feindesliebe finden wir in der Bergpredigt (Mt 5−7). Interessant, dass sie keine theoretischen Erklärungsmodelle versucht. Sie gibt uns ganz praktisch Ratschläge, wie wir vorangehen sollen, um Gemeinschaft zu stiften. Das ist typisch jesuanisch. Die Welt zum Guten hin zu verändern. Handeln! Folgende drei Ratschläge finden wir dort: Mit jemandem, der uns drängt, eine Meile mit ihm oder ihr zu gehen, sollen wir zwei Meilen gehen. Dem, der das Hemd von uns will, sollen wir auch gleich den Mantel geben, und dem, der uns auf die rechte Wange schlägt, dem sollen wir auch die linke hinhalten.

Wie kommt Jesus eigentlich genau zu diesen Beispielen? Interessanterweise entsprechen diese drei Beispiele den drei Grundversuchungen des Menschen, wie sie zu Beginn des Matthäus-Evangeliums dargestellt werden. Der Aufenthalt Jesu in der Wüste. Da ist das Haben-Wollen. Hier geht es um Besitz, um das Hemd und den Mantel. Das Gelten-Wollen ist die Suche nach Anerkennung. Dem entspricht das Begleiten des anderen auf seinem Weg. Schliesslich das Machen-Wollen. Da geht es um Macht ausüben. Dafür steht die Gewaltanwendung, der Schlag ins Gesicht.

Vielleicht sollten wir uns zunächst vergewissern: Die Vision Jesu ist die Gemeinschaft der Menschen untereinander und die Gemeinschaft der Menschen mit Gott. Darum dreht sich die Bergpredigt, das ganze Evangelium. Aus diesem Grund spielt Versöhnung eine grosse Rolle. Wie kann es uns gelingen, diese Gemeinschaft immer wieder aufzubauen? Deswegen der Ratschlag, nicht kleinlich zu sein, sondern all das zu tun, was Gemeinschaft fördern kann. Einem Menschen, der jemanden braucht, der ihm auch zuhört, diese Zeit zu geben. Wenn jemand etwas benötigt, grosszügig zu sein. Und Gewalt nicht mit Gegengewalt zu beantworten.

Schliesslich, wir sind nie nur Opfer, wir sind immer auch Täter. Auch wir suchen Anerkennung, Grosszügigkeit und können Macht ausüben. Und diese Motive sind ja nicht schlecht, sie sind einfach ambivalent und können Gutes und Schlechtes bewirken.

Und hier kommt nun die Gemeinschaft der Menschen mit Gott ins Spiel. Das ist für mich der Schlüssel, um dieses Evangelium der Bergpredigt zu verstehen und zu leben. Diese Grundmotive oder Grundsehnsucht des Menschen nach Anerkennung und nach Leben in Fülle finden eigentlich erst in unserer Beziehung zu Gott ihre Erfüllung. Nur in einer lebendigen Glaubensbeziehung können wir die Fülle eines Angenommenseins erfahren, die in einer begrenzten Welt immer frustriert werden wird. Wenn wir uns in diesem Vertrauen in Gott verankern, dann brauchen wir nicht um die vielen kleinen Dinge zu kämpfen, die uns vorher so wichtig waren.