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Das Evangelium des 5. Fastensonntags berührt mich immer wieder sehr. Da sind zwei Männer, die wohl von Jesus gehört haben und neugierig auf ihn sind. Vielleicht ist es auch nicht nur die pure Neugierde, sondern vielleicht haben sie auch etwas auf dem Herzen, das sie mit ihm besprechen wollen. Wir erfahren es nicht. Was wir aber erfahren, ist, dass sie nicht direkt zu Jesus hingehen, sondern zu seinen Jüngern und ihnen ihre Bitte vortragen: «Wir wollen Jesus sehen», und die beiden – Andreas und Philippus – «gingen zu Jesus und sagten es ihm».

Es scheint so, dass die beiden Männer aus Griechenland Jesus noch nie gesehen hatten und ihn deshalb nicht direkt ansprechen konnten. Sie brauchten andere, die Jesus kannten, um vorgestellt zu werden.

Mich erinnert diese Erzählung an das, was ich in meinem Alltag hier in Dänemark immer wieder erlebe. Jedes Jahr im September beginnt hier im Grossraum Kopenhagen der Kurs für erwachsene Konvertiten und Taufbewerber. Es sind in der Regel ca. 30 Teilnehmer und Teilnehmerinnen, die am ersten Abend kommen. Wir beginnen mit einer Runde, in der jeder erzählt, was er sich erwartet und warum er katholisch werden möchte. An eine junge Frau erinnere ich mich noch besonders. Sie war nicht getauft. Auf die Frage, was sie sich vom Kurs erwarte, sagte sie: «Ich möchte lernen, wie man betet − und zu wem.» Diese Frau hatte, wie ich es nennen würde, eine Gotteserfahrung gemacht und war jetzt auf der Suche nach Menschen, die ihr helfen konnten, diese Erfahrung zu deuten. «Ich möchte lernen, wie man betet − und zu wem» ist vielleicht das «Wir wollen Jesus sehen» der heutigen Zeit. Aber egal, ob damals oder heute: Es braucht Menschen, die Erfahrung mit Gott gemacht haben und diese Erfahrung für sich bereits gedeutet haben. Zu ihnen können dann andere Menschen kommen mit ihren Ersterfahrungen.

In den Geschichten der Konvertiten und Taufbewerber kommen auch ganz oft andere Menschen vor, die auf Gott hingewiesen haben, bewusst oder unbewusst: Ein junger Mann erzählte, dass in seiner Familie nur der Grossvater katholisch gewesen sei. Er sei  immer von allen anderen Familienmitgliedern belächelt worden, wenn er sonntags in die Kirche gegangen sei oder in der Fastenzeit kein Bier getrunken habe. Der junge Mann sagte: «Ich habe gedacht, dass an diesem Gott etwas Besonderes sein muss, dass mein Grossvater den Spott der Familie ausgehalten und sich nicht hat abbringen lassen von seinem Glauben. Deshalb möchte ich hier Gott suchen.»

Sollten nicht auch wir, die wir Christi Jünger und Jüngerinnen sind, bereit sein, diese suchenden Menschen zu Jesus zu führen – und ihnen zu helfen, ihre Erfahrungen mit Gott zu deuten?