Heilige Berge werden auf allen Kontinenten verehrt. Das spiegelt die menschliche Sehnsucht nach Spiritualität – seit den Griechen bis hin zu den Christen.

von Carl Meissen

Wer in dem griechischen Ort Ouranoupoli seine Ferien verbringt, spürt schnell, dass hinter der Gemeindegrenze eine neue Welt beginnt. Hier fahren die Schiffe zum heiligen Berg Athos ab, der nur über das Meer erreichbar ist. Athos ist eine Theokratie, eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status. Ohne Bewilligung gibt es für Männer keine Einreisemöglichkeit. Und Frauen ist in dieser Theokratie der Zutritt gänzlich verwehrt. Früher wurden auf dem Heiligen Berg sogar nur männliche Nutztiere gehalten. Athos ist der Inbegriff eines heiligen Berges und mit seinen 20 orthodoxen Grossklöstern Unesco-Weltkulturerbe. Unweit davon liegt der Olymp, das höchste Gebirge Griechenlands. In der griechischen Mythologie ist der Olymp der Sitz der Götter. Der mythische Olymp in Homers Odyssee ist jedoch nicht gleichzusetzen mit dem realen Gebirge. Der Olymp als Wohnort der Götter wird unter anderem mit «Himmel», «der Leuchtende» oder «der Felsen» übersetzt. Erst im 5. Jahrhundert vor Christus bezeichnete Herodot das thessalische Gebirge Olymp als Göttersitz.

Die Vergötterung von Bergen, vor allem von Vulkanen, von denen auch eine Gefahr ausging, zieht sich durch alle Kulturen. Denn die Berge bereicherten auch die Menschen – mit sauberem Wasser, mit heissen Quellen, mit pflanzlicher und tierischer Nahrung und auch mit Bodenschätzen. Die Berge entfalteten auch eine Macht über den Himmel, als Wetterscheiden und Ursache eines geheimnisvollen Mikroklimas. Da liegt es auf der Hand, dass je nach geografischer Lage einem Berg auch heute noch heilige Kräfte zugesprochen werden. Die animistische Betrachtung veranlasst Menschen dazu, Berge durch Ehrerweisungen wohlwollend zu stimmen. Das war schon früher in den Menschen so tief verankert, dass auch die Christianisierung daran nicht viel veränderte. Der heilige Berg aus vorchristlicher Zeit wurde zum christlichen Wallfahrtsort. Es scheint, dass Berge schon immer der Ort göttlicher Offenbarungen waren. Gott manifestierte sich im brennenden Dornbusch auf dem Berg Horeb, um Moses den Auftrag zu erteilen, das Volk Israel aus Ägypten zu führen. Der Berg Horeb ist in der Bibel der «Gottesberg». Ob dieser mit dem Sinaiberg identisch war oder später mit ihm gleichgesetzt wurde, ist ungewiss. Im Christentum erfolgte diese Gleichsetzung im 4. Jahrhundert. Am Fuss des Berges Sinai entstand im 6. Jahrhundert das Katharinenkloster.

Der Tempelberg gilt derweil heute als der umstrittenste heilige Ort der Welt. Der Hügel liegt im Südostteil der Jerusalemer Altstadt. Auf seinem Plateau standen früher der Salomonische Tempel und der nachfolgende Herodianische Tempel, wo sich heute der Felsendom befindet. Auf der südlichen Seite des Tempelberges steht die al-Aqsa-Moschee.

Zu den heiligsten Bergen der Welt gehört der Kailash in Tibet. Er gilt als Weltenberg, der nach einer alten, besonders in Asien weitverbreiteten mythologischen Vorstellung im Zentrum der Welt steht. Durch die besondere Form und Lage zählt er im tibetischen Buddhismus, im Hinduismus, Jainismus und in der Bön-Religion zu den bedeutendsten spirituellen Orten. Eine Umrundung des Berges auf einem 53 Kilometer langen Weg, der bis in eine Höhe von 5700 Meter über Meer führt, gilt als wichtigste Pilgerreise für Anhänger dieser Religionen. Die Richtung der Umrundung (Kora) erfolgt dabei in Abhängigkeit von der Religionszugehörigkeit des Pilgers (Buddhisten, Hindus und Jainas im Uhrzeigersinn, Anhänger des Bön gegen den Uhrzeigersinn). Nach der 13. Umrundung des Kailash bekommt der Pilger Zutritt zur inneren Kora. Ziel jedes Buddhisten ist es, den Kailash 108-mal zu umrunden. Wer dies schafft, der erlangt nach buddhistischer Lehre die unmittelbare Erleuchtung.

Seit Jahrtausenden spielen auch in der chinesischen Kultur heilige Berge eine zentrale Rolle. So bestehen im Daoismus fünf heilige Berge – für jede Himmelsrichtung einen und einen für die Mitte. Der Tai Shan ist zum Beispiel der Grosse Östliche Gipfel. Nach der chinesischen Mythologie waren die fünf Gipfel der Kopf und die Glieder Pangus, dem ersten Lebewesen auf Erden.

Die Anangu in Australien sind überzeugt, dass mit ihrem traumhaft schönen heiligen Berg Uluru besonders achtsam umgegangen werden muss. Wer Uluru-Gestein mit nach Hause nimmt, zieht einen Fluch auf sich. Der Geist der Ahnen kann sich auch bei dem verfangen, der den Berg fotografiert. Aber er ist zu schön, um das zu unterlassen.