Der Prophet Jesaja entfaltet in grossen Bildern eine Vision. Die Rede ist von einem Wolf, der beim Lamm wohnt; von einer Raubkatze, die beim Böcklein liegt; von Löwen und giftigen Schlangen, die mit Kindern spielen; ja sogar ein Bär kommt vor, ganz friedlich und ganz zahm.

 

Eine unglaubliche Szenerie, finden Sie nicht? Die Vision der Zukunft, die Jesaja uns zeigt, hat es wirklich in sich. Es geht um nichts Geringeres als um die Verheissung von erfüllter Sehnsucht, von Glück, von Gerechtigkeit und Frieden, von Solidarität, Fairness und Verlässlichkeit. Und das in einer Welt, die voll war vom Gegenteil: von Trauer, von Unrecht, Krieg, Ausbeutung und Machenschaft. Voll war? Wenn wir die Lage nüchtern betrachten, müssen wir wohl sagen, dass sie es immer noch ist. Es gibt in dieser Welt, in der wir leben, immer noch viel zu viel Trauer, viel zu viel Unrecht, Krieg, Ausbeutung und Machenschaften.

 

In solches Dunkel hinein spricht Jesaja nun seine grossartige Vision: dass das alles nicht das letzte Wort haben soll. Dass da noch eine Zukunft zu erhoffen steht, die frei ist von der Kultur der Ungerechtigkeit und des Todes. Wenn wir Jesaja so reden hören, dann erinnern wir uns vielleicht daran, dass es zu allen Zeiten Versuche gegeben hat, das Unrecht und die Gewalt in der Welt zu bekämpfen. Doch so sehr man sich bemühte, so sehr man gewillt war, ein Reich des Friedens und der Solidarität aus eigener Kraft zu errichten, so sehr musste man am Ende all dieser Versuche enttäuscht feststellen, dass es nicht funktioniert. Die Menschen können das Reich des Guten nicht aus eigener Kraft errichten. Wo sie es versucht haben, schlug das vermeintlich Gute nur allzu schnell um in das krasse Gegenteil. Das weiss auch Jesaja. Der entscheidende Satz seiner Zukunftsvision lautet deshalb: In jenen Tagen wird es ein Zeichen Gottes sein, der dasteht für die Nationen.

 

Was Jesaja macht, ist dies: Er bindet die Hoffnung auf eine bessere Welt, auf eine Welt des Friedens und des Lebens, an Gott. Gott allein ist der Garant einer neuen, einer besseren Welt, weil wir von Ihm lernen können, was wahre Menschlichkeit ist, und weil wir von Ihm her erfahren dürfen, was göttliche Verheissung und göttliche Möglichkeit sind. Eine bessere Welt können wir uns nicht selber basteln. Das heisst übrigens nicht, dass wir nicht aufgerufen wären, mitzuwirken, dass diese Welt ein Stück besser und ethisch-moralisch gesehen wärmer wird. Aber ihre Vollendung bleibt Gottes Sache.

 

Genau darum geht es im Advent. Dass wir wieder neu die Hoffnung wagen. Und dass wir uns nicht entmutigen lassen, sondern sehnsüchtig Ausschau halten nach Gottes Spuren in dieser Welt. Gottes Spuren, die uns heute schon erkennen lassen, was morgen um so viel besser sein wird.