Vor 30 Jahren veränderte sich mitten in Europa die Weltpolitik. Die Berliner Mauer, die 28 Jahre lang als Eiserner Vorhang Ost und West voneinander trennte, wurde durch den Mut friedlicher Demonstrantinnen und Demonstranten in der damaligen DDR zu Fall gebracht. Nicht vorzustellen, wie die Welt von heute ohne den Fall der Mauer aussähe.

Was hat das mit Religion und Glauben zu tun? Der engagierte Katholik und spätere deutsche Bundestagspräsident Wolfgang Thierse erinnerte kürzlich daran, dass es zwar gut sei, wenn sich Europa in diesen Tagen an die Einheitsverträge vom 3. Oktober 1990 erinnere. Das eigentliche «Wunder» aber habe ein Jahr vorher, nämlich am 9. Oktober 1989 in Leipzig stattgefunden. Damals demonstrierten über 70 000 Menschen für eine friedliche Wende, aber es fiel kein einziger Schuss, obwohl alles für ein Blutbad vorbereitet war.

Noch im Januar 1989 hatte SED-Chef Erich Honecker verkündet, die Mauer «werde in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben». Dann überschlugen sich die Ereignisse und die Geschichte nahm revolutionäre Fahrt auf. Im Juni die Niederschlagung von Studentenprotesten in Peking, am 11. September die Grenzöffnung in Ungarn, am 30. September verkündete Minister Genscher die Ausreiseerlaubnis aus der Prager Botschaft.

Am 9. Oktober blieb dann in Leipzig das befürchtete apokalyptische Szenario aus, vielleicht auch, weil die Demonstrationen mit Gebeten und Gesängen in der Nikolaikirche begonnen hatten. Die Demonstranten riefen «keine Gewalt» und «wir sind das Volk» und trugen brennende Kerzen als Zeichen ihrer Friedlichkeit. Von Gorbatschow aus Moskau war kein Befehl zum gewaltsamen Eingreifen gekommen, deswegen auch nicht von der SED-Führung.

Dass die Revolution von 1989 friedlich war, lag auch an der entschlossenen Friedfertigkeit der Demonstranten, nicht zuletzt der christlichen Akteure. Für sie war die Bergpredigt die politische Schlüsselbotschaft ihrer Zeit. Wie oft hätten sich die Menschen, so erzählt Thierse weiter, in diesen aufregenden Zeiten in (vorwiegend evangelischen) Kirchen versammelt. Da spielten die Pfarrer Christian Führer und Friedrich Schorlemmer eine wichtige Rolle. Und wie oft wurde am Ende erregter Versammlungen «Dona nobis pacem» gesungen, bevor die Demonstranten auf die Strasse gingen.

Aus dem Rückblick von 30 Jahren danach ist es eine schöne Pointe der Geschichte, dass die DDR als Staat, in dem Religion nicht sein durfte, nicht allein, aber doch entscheidend durch Christinnen und Christen und ihre friedlichen Montagsdemonstrationen überwunden wurde. Sie wollten ihren Glauben nicht Privatsache sein lassen, sondern leiteten daraus ein öffentliches und damit politisches Bekenntnis ab. Heute leben wir − Gott sei Dank − in einer anderen Zeit. Wenn aber aus rechtskonservativen Kreisen wieder zu hören ist, dass Theologie und Kirche ihre Hände von der Politik lassen sollten, dann wehre ich mich dagegen. Da unser christlicher Glauben nie nur eine private, sondern immer auch eine öffentliche und damit politische Angelegenheit ist, sollten wir uns in aktuelle Debatten einmischen und so unser Christsein in der Welt bezeugen. Das lehrt uns das Wunder vom 9. Oktober.