Was als gescheitert startet, kann dennoch erfolgreich werden. Das verdeutlicht das Musée des Confluences in Lyon. Vor vier Jahren hagelte es bei der Eröffnung Kritik, jetzt ist das Haus eine begehrte Destination.

von Carl Meissen

An der Südspitze der Halbinsel von Lyon, wo die Rhône und die Saône zusammenfliessen, eröffnete vor vier Jahren ein Museum, das seinen Namen aufgrund seiner Lage bekam: das Musée des Confluences, das Museum des Zusammenflusses. Zur Eröffnung am 21. Dezember 2014 floss auch reichlich Kritik zusammen. Mit 270 Millionen Euro hat der Bau fast fünf Mal mehr gekostet als geplant und auch die Bauzeit wurde massiv überschritten. Kritik hagelte es wegen der Lage, der Architektur, und auch das Ausstellungskonzept wurde infrage gestellt. Der Neubau ersetzte das Naturkundemuseum von Lyon, das 2007 geschlossen wurde. Nun sind die Ursprünge der Erde, von Pflanzen, Tieren und Mensch auf 4800 Quadratmetern zu erkunden. Hinzu kommt noch eine Fläche für temporäre Ausstellungen. Die Architekten des Wiener Architekturbüros Coop Himmelblau schufen die Hülle des Museums in Form einer Wolke, die auf einem Sichtbetonsockel steht. Unter dieser Wolke laden zwei Bassins und eine Brasserie des Lyoner Traiteurs Jean-Paul Pignol mit zwei Michelin-Sternen zum Verweilen ein (Drei Gänge-Menü mittags unter der Woche kostet nur 29Euro).In die Wolke gelangt man über den sogenannten Kristall, der eine immense Eingangshalle überwölbt. Der federführende Architekt Wolf Prix bezeichnete den Kristall als «Treffpunkt in der Stadt» in einem neuen urbanen Raum. Das sorgte für Spott. Denn das ehemalige Hafen-und Industriequartier am äusseren Stadtrand von Lyon unmittelbar neben der Autobahn, die Marseille mit Paris verbindet, befand sich vor vier Jahren mitten im Umbruch und wirkte entsprechend hässlich. Wer sollte sich dort treffen wollen, lautete deshalb die Frage.

Ein Magnet für Touristen?

Mit dem gigantischen Neubau wollte die Stadtregierung ein totes Gebiet beseelen, in der Hoffnung, das Museum werde sich als Magnet erweisen. Konkret: Der Effekt, den vor gut 20 Jahren das Guggenheim-Museum von Frank Gehry in Bilbao bewirkt hatte, sollte sich auch in Lyon entfalten. Die zahlreichen Kritiker warfen aber die Frage auf, ob das in der grauen Trostlosigkeit möglich sei. Zur Erinnerung: Bilbao war bei der Eröffnung des Museum s 1997 auch eine heruntergekommene, graue Industriestadt. Es ist deshalb legitim, den Bilbao-Effekt mit sogenannten Signature Buildings da und dort zu wiederholen. Zu kritisieren, dass eine Stadt mit einzigartiger Architektur für Touristen attraktiver werden will, um das lokale Business zu beleben, zeugt von einiger Arroganz. Aber diese Haltung dominierte bei der Eröffnung des Museums. Die Häme über die Kostenüberschreitung war gross, obschon die Stadt (und nicht die Architekten) aufgrund fehlender Abklärungen und falscher Planung dafür verantwortlich war. Für die französische Presse standfest: Ein unglaubliches finanzielles Fiasko! Damit war gesetzt, dass auch das Museum ei n Flop sein musste. Wenn sich einmal eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt hat, beschleunigt sie ab einem bestimmten Punkt aus eigener Dynamik. Trotz aller anderslautenden Prognosen hat sich das Museum aber seit Eröffnung prächtig entwickelt. Bereits nach drei Jahren war es «das erste Museum ausserhalb von Paris». Denn die Besucherzahlen steigen stetig: 2016 waren es 600 000 Besucherinnen und Besucher, 2017 wurden 723 000 verzeichnet und 2018 wird man nahe an die Millionengrenze kommen. Die Stadt Lyon hat bis 2020 Subventionen von 14 Millionen Euro pro Jahr bewilligt, was einen grossen Gestaltungsraum ermöglicht. Denn das Museum verfügt über 2,2 Millionen Objekte, kann aber nur um 3000 ausstellen. Zwischenzeitlich ist in unmittelbarer Umgebung auch ein modernes Einkaufszentrum entstanden, daneben trendige Restaurants an eine Mole und gegenüber ein neues Hotel mit einer schönen Swimmingpool-Anlage. Der Bilbao-Effekt ist an der Südspitze der Halbinsel von Lyon eingetroffen.