In den international sehr erfolgreichen spanischen Fernsehserien «Haus des Geldes», «Grand Hotel» oder «Die Telefonistinnen» werden die Frauen stark und führend dargestellt. Ist der Machismo in Spanien nur noch ein Traum der Männer? Ein Blick auf drei Generationen ergibt ein sehr unterschiedliches Bild.

von Stefanie Claudia Müller

Die klein gewachsene Teresa Bernat ist eine mutige Frau. Anders als die meisten ihrer Generation, hat sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet. 1964 bewarb sie sich in Madrid beim IT-Unternehmen Bull, wo sie 30 Jahre bis zu ihrem Ruhestand als Sekretärin beschäftigt war. «Unter Franco durften verheiratete Frauen alleine keine Kredite aufnehmen, wir durften uns nicht scheiden lassen und auch nicht alleine ins Ausland verreisen», erinnert sich 78-Jährige. Als Franco 1936 die Macht übernommen hatte, mussten nämlich die Frauen wieder zurück an den Herd. Die zuvor erzielten Errungenschaften für die Frauen wurden gestrichen. Dieses Trauma der Spanierinnen beschreibt die Regisseurin Pilar Pérez Solano im Dokumentarfilm «Las maestras de la republica» («Die Lehrerinnen der Republik»). Sie ist überzeugt: «Unserem Land und seiner Entwicklung wurde ein enormer Schaden zugefügt.»

Neue Rollenverteilung

Teresas Nichte Irma, 1971 geboren, hat mit 28 Jahren ihre erste Liebe kirchlich geheiratet und drei Kinder bekommen. Irma erzählt bei einem Kaffee, wie sie sich in den vergangenen Jahren verändert hat: «Ich will arbeiten, mein eigenes Geld verdienen. Ich bin nicht nur Mutter und glaube, dass eine neue Rollenverteilung im Haushalt ein Thema sein muss, dazu gehört auch der Urlaub allein mit der Freundin. Ich radikalisiere mich», lacht sie. Bisher sind solche «Alleingänge» in Spanien noch selten. Ihre Schwester Beatriz ist lesbisch. Sie lebt seit vielen Jahren mit ihrer Partnerin zusammen. Die 50-Jährige zündet sich eine Zigarette an: «Ich denke, dass wir viel zu viel reden über Sexualität und Frauenrechte, wir sollten einfach machen, was wir für richtig halten, so normalisiert sich alles von selber.»

Häusliche Gewalt

Teresa hat kein Problem mit dem Lebensstil ihrer Nichte Beatriz. Wenn Teresa ihre Freundinnen über die Männer klagen hört, ist sie manchmal froh, dass ihr als alleinstehende Frau die vielen unangenehmen Auseinandersetzungen erspart bleiben. Fast jeden Tag hört sie in den Nachrichten von häuslicher Gewalt. Denn die Spannung aus Eifersucht, Ehre und Macht existiert auch in der modernen spanischen Gesellschaft noch. Zwar zeigen die offiziellen Statistiken, dass die Zahl der Todesfälle von Frauen, die von ihren Partnern oder Ex-Männern ermordet wurden zurückgehen. Eine Schlussfolgerung könnte auch sein, dass einfach mehr Frauen als früher es wagen, ihre Männer anzuzeigen. 2017 ist die Zahl der Anzeigen wegen Gewalt in Partnerschaften um 16 Prozent auf 167 000 angestiegen. Betroffen sind auch Jugendliche – aufgrund von Aggressionen in der Schule, auf Dorffesten und im Internet. Fälle wie jene von Jungen, die bei Dorf- und Stadtfesten Mädchen betäuben und dann missbrauchen – als «Manada» (Herde) bereits in den Sprachgebrauch eingegangen –, hat deutlich gemacht, wie viel Aufklärungsarbeit noch geleistet werden muss. So fand eine gesellschaftliche Diskussion darüber statt, was eine Vergewaltigung und was «nur» eine Aggression sei. Aber auch die Rolle der Mädchen wurde infrage gestellt. «Die Neuen Medien übersexualisieren unsere Gesellschaft und fordern von Mädchen ein Bild, das wir heute nicht mehr liefern sollten: das hübsche nette Ding», sagt die Feministin und Regisseurin Pérez.

Mehr Frauen in Beruf und Politik

Der neue spanische Premier Pedro Sánchez ist nicht nur wegen seines Aussehens ein Frauenliebling, seiner Regierung gehören auch viele Frauen an. Für die 78-jährige Teresa sind diese politischen Gesten jedoch weniger wichtig als die Tatsache, dass jetzt fast alle Mütter in Spanien, wie auch Sanchez’ Gattin, Voll- oder Teilzeit arbeiten: «Frauen sind zunehmend besser ausgebildet und kommen immer weiter nach oben», freut sie sich. Spanien gehört zum Beispiel nach Litauen und Estland zu den Ländern, in denen 52 Prozent aller Ärzte weiblich sind.
«Es gibt einen guten und einen schlechten Macho», sagt Álvaro Rodríguez. Der 45-Jährige ist alleinerziehender Vater und prahlt gerne mit seinen vielen Frauenbeziehungen. Rodríguez kocht, wäscht und erzieht seinen achtjährigen Sohn gleichberechtigt. «Aber ich bin der gute Macho», sagt der Designer und Gastronom. Dass Frauen gleichberechtigt behandelt werden, hat er in einer Familie mit fünf Frauen gelernt. Aber so richtig verstanden hat er sie trotzdem nicht, und «Gefühle zu zeigen, ist eben schwierig», gibt er nach einem Bier zu. Probleme bespreche er vor allem mit sich selber.

Echte Gleichberechtigung?

Ignacio Sánchez-León, Vater einer Tochter, sieht die spanische Gesellschaft ambivalent: «Ich glaube, dass wir noch weit davon entfernt sind, eine echte Gleichberechtigung in Spanien zwischen Frau und Mann zu haben. Im Fernsehen wird uns das in Form von modernen Serien gezeigt, aber in Wirklichkeit herrschen oft die alten Verhaltensmuster.» Für den Buchautor und Kommunikationsexperten Sánchez-León bleibt Spanien ein Macho-Land, was sich auch daran zeige, dass die Verfassung aus dem Jahr 1978 nur einen männlichen König vorsehe, obschon der König keinen Sohn habe. Davon lässt sich aber Almudena Losada nicht beeindrucken. Die 35-Jährige weiss genau, was sie will: «Ich will Karriere machen», sagt Losada, die bei einer spanischen TV-Produktionsgesellschaft arbeitet: «Ich habe nie davon geträumt, Mutter zu sein. Vielleicht bin ich zu egoistisch.» Mit ihrer Meinung, dass auch ein Partner nicht mehr zwingendnotwendig ist, um glücklich zu sein, steht sie allerdings noch ziemlich allein da: «Die spanische Gesellschaft baut auf Sozialleben und das Leben als Paar auf. Man sagt im Spanischen: ‹seine andere Orangenhälfte finden. › Aber ich sage: Ich bin bereits eine ganze Orange, ich brauche keine andere Hälfte», erklärt die selbstbewusste Spanierin. Wenn die Frauen nicht mehr mitspielen, dann denken moderne und kinderliebende Männer wie Rodríguez inzwischen auch über Leihmütter nach: «Wer es sich leisten kann. Allein zu erziehen, ist nicht schlecht.» Das geht dann für Teresa aber doch zu weit: «Die klassische Familie wird immer die Basis unserer Gesellschaft bleiben», ist sie sicher. Einer der wenigen Punkte, bei der sie auch mit ihren Freundinnen einer Meinung ist.